«Das Erzählen von Märchen ist für mich eine Form der Betreuung»

Wer kennt sie nicht: Die wunderbaren Erzählungen von der Prinzessin und der bösen Hexe, Hänsel und Gretel oder dem Tapferen Schneiderlein. Dass Märchen auch bei der Betreuung von älteren Menschen unterstützen können, weiss Erika Helfenstein.

Erika, du arbeitest im Viva Luzern Rosenberg als Pflegefachfrau HF. Was machst du, wenn du nicht gerade arbeitest?
Ich wohne in Luzern und bin neben meiner Arbeit Märchenerzählerin und langjährige Sterbebegleiterin. Von 2005 bis 2017 war ich Kursleiterin bei Curaviva Weiterbildung zum Thema «Mit Märchen einen Zugang schaffen zu alten Menschen und Menschen mit Demenz».

Was hat deine Arbeit im Pflegebereich und insbesondere bei der Begleitung sterbender Menschen mit Märchen zu tun?
Palliativ zu arbeiten, bedeutet für mich, den Menschen von der ersten Begegnung an zu begleiten, ihn zu «ummanteln » und ihm in Krisen beizustehen. Der Prozess der Begleitung setzt voraus, dass ich mit dem Menschen in Beziehung trete. Wenn es die Situation der betroffenen Person zulässt, beginne ich auf Basis dieser Beziehung mit dem Märchenerzählen. Das Erzählen von Märchen ist für mich eine Form von Betreuung und Berührung. Märchen belehren nicht, sondern sie nehmen die Angst und sind tröstend. Ein Sterbeprozess kann lange gehen: es muss noch etwas gelöst werden, jemand wird erwartet und muss noch kommen, es gibt Phasen der Langeweile. In dieser Situation erlebe ich, dass Menschen ruhig werden, wenn sie Märchen hören.

Wie geht das vor sich, wenn du Märchen erzählen?
Wenn ich Märchen erzähle, verbinde ich mich innerlich mit meinen Zuhörern. Ich bin dann ganz da und ruhig. Meine Ruhe spüren die Zuhörenden und sie geht auf sie über. Der bewusste Einsatz meiner Stimme, das Untermalen der Geschichte mit Klangschalen, Erdklangflöte oder Glockentönen verstärken die Wirkung und helfen den Zuhörern, sich mit ihrer Innenwelt zu verbinden. Erzählen und Zuhören ist zart und intim. Deshalb findet dies in einem geschützten und geschlossenen Raum statt.

Wie reagieren Menschen mit Demenz auf Märchen?
Desorientierte Menschen reagieren ganz ähnlich wie orientierte Menschen auf Märchen. Ich staune immer wieder, wie schnell und innig sie sich auf den Zauber der Worte und auf Bilder einlassen können. Menschen mit Demenz auf der Gefühlsebene anzusprechen, ist etwas sehr Wichtiges, und da können Märchen neue Fenster öffnen.

Hast du ein Lieblingsmärchen?
Es gibt Märchen, die ich immer wieder erzähle und die mir sehr gefallen. Ich nenne sie die «Zaubermärchen». Das sind Geschichten der Verwandlung: lange, dunkle und helle Wege müssen gegangen werden. Die Figuren müssen etwas hinter sich lassen und ins Ungewisse aufbrechen. Schwere Prüfungen müssen bestanden werden. Die Figuren kommen nur weiter, wenn sie Hilfe annehmen und auch etwas von sich geben. Für mich ist dies ein Grundgesetz des Lebens. Auch die Märchen, die Tod und Sterben thematisieren, sind mir sehr lieb. Loslassen, Trauer und die Angst vor dem Tod, die viele Menschen spüren, stehen im Zentrum dieser Geschichten.  

 

Erika Helfenstein