Engagement im Alter

Für einige bringt das Rentenalter die wohlverdiente Erholung, Zeit für Hobbys oder langersehnte Reisen. Für andere beginnt die Suche nach einem neuen Sinn. Über das gute Gefühl, auch im Alter noch gebraucht zu werden.

«Jetzt sind wieder die Kleinsten dran», sagt Frau Bucher, die sich auf die Zeit mit «ihren» Kindern aus Emmenbrücke freut. Dabei ist sie weder Lehrerin noch Erzieherin. Die 73-Jährige engagiert sich rund vier Stunden pro Woche beim Angebot «Seniorinnen und Senioren im Klassenzimmer», das von der kantonalen Dienststelle Volksschulbildung und Pro Senectute Kanton Luzern initiiert wurde. Sie ist damit eine von rund 250 Seniorinnen und Senioren, die in über 40 Gemeinden des Kantons Luzern ihre Zeit mit Schulkindern verbringen und damit den Unterricht bereichern.

Seniorin im Klassenzimmer
«Mit 70 wollte ich nochmal etwas Neues ausprobieren», sagt die Seniorin und fügt an: «Die Beschäftigung im Kindergarten ist mit Spielen, Musizieren, Turnen und Basteln nicht nur sehr kreativ und abwechslungsreich. Es geht vielfach auch darum, die Lehrerin bei ihren pädagogischen Aufgaben zu unterstützen.» Über diese Einbindung in den Schulbetrieb, das soziale Miteinander sowie den Kontakt zu Menschen ganz unterschiedlichen Alters ist sie dankbar. «Ich mache diese ehrenamtliche Tätigkeit gern. Ich fühle mich gebraucht.» Dies merke sie unter anderem auch daran, dass ihr von den Kindern, deren Eltern, den Lehrpersonen wie auch von der Schulleitung sehr viel Wertschätzung entgegengebracht wird. Manchmal bekomme ich von einem Kind ein Bild, das es extra für mich gemalt hat, oder ich werde auf der Strasse erkannt und laut begrüsst. Diese kleinen Gesten tun im Herzen gut», lächelt sie.

Dialog zwischen den Generationen – das ist der Leitgedanke des Angebots Seniorinnen und Senioren in Schule, Kindergarten und als Aufgabenhilfe.

Mobil sein und bleiben
Auch für Herrn Kumschick, der mit seinem Auto ältere oder kranke Menschen zum Einkaufen, zum Arzt oder ins Schwimmbad chauffiert, ist das Gebrauchtwerden eine wichtige Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren. Er gehört zu den 160 freiwilligen Fahrern, welche im Kanton Luzern für das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) im Einsatz sind. Er steht montags, mittwochs und freitags im Einsatz. «Es gibt mir innere Befriedigung, wenn ich anderen Menschen, denen es schlechter geht als mir, helfen kann, mobil zu bleiben.» Er selbst hatte mit 59 zwei Herzinfarkte, litt an Lungenkrebs und musste in zahlreiche Kuren. «Danach war klar, dass ich nicht mehr 100 Prozent arbeiten kann und eine IV-Rente bekomme.» Zuhause rumsitzen sei aber nicht sein Ding. So kam der heute 68-Jährige damals zu seiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim Rotkreuz-Fahrdienst, die ihm stets die Gewissheit gibt, der Gesellschaft von Nutzen zu sein. Mittlerweile kommt er bei seiner Tätigkeit auf rund 910 verschiedene Fahrgäste und 6200 Fahrten, 114 600 Kilometer und 5000 Stunden. Gesamthaft war der Fahrdienst vom Roten Kreuz Kanton Luzern im letzten Jahr 653 970 Kilometer unterwegs.

«Freiwilligenarbeit ist überall gefragt, in allen Lebensbereichen. Das reicht vom Sozialen über Gesundheit oder Familie bis zu Sport, Bildung oder Kirche»

Fahrer mit Herz und Zeit

Es sind meistens ältere Leute, welche die Dienstleistung gerne in Anspruch nehmen, und im Laufe der Jahre kennt man sich auch näher. Trotzdem bleibe man beim «Sie», betont Herr Kumschick. «Abgrenzung ist wichtig», sagt er. «Gerade bei gesundheitlichen Schicksalen leide man sonst zu sehr mit.» Bei «Stammgästen» sei man aber schon mehr als nur der Fahrer, manchmal schon fast eine Bezugsperson, die man regelmässig sieht. Die Hilfe beschränke sich auch nicht auf das Auto allein, es gehe ganz allgemein um Mobilität. «Auf Wunsch gehe ich auch mal mit in die Migros und stosse das Wägeli», schmunzelt Kumschick. «Entscheidend ist, dass wir uns um die Anliegen unserer Fahrgäste kümmern und sie nicht einfach beim Parkplatz ausladen. Wir haben und nehmen uns Zeit.» Die Dankbarkeit, die er im wahrsten Sinne des Wortes «erfährt», sei immens. Dafür brauche es auch keine grossen Worte. «Seit rund drei Jahren fahre ich zwei Mal pro Woche ein stark behindertes Mädchen zur Therapie. An ihrer Mimik und Gestik sehe ich, dass sie mich erkennt und sie sich freut, mich zu sehen. Für solche Momente setze ich meine Zeit noch so gerne ein.»

Rotkreuzfahrer Bruno Kumschick mit Elise, die er regelmässig zur Therapie begleitet.

Aktiv, wo das Herz schlägt

Um herauszufinden, welche Beschäftigung im Pensionsalter zu einem passt, helfen Fragen, wie etwa: Was macht mir Freude, was habe ich in den vergangenen Jahren nicht machen können, und was möchte ich in Zukunft tun? «Herausfinden, wofür das Herz schlägt», sagen Herr und Frau Barmettler dazu. Gemeinsam kümmern sie sich – selbst pensioniert – ehrenamtlich bei win60plus um die Vermittlung von Freiwilligen der Generation 60+ aus dem Kanton Luzern an verschiedene soziale und gemeinnützige Institutionen. Wie es dazu kam? «Mit meiner Pensionierung im Jahr 2014 haben wir uns gemeinsam nach sinnvollen Aufgaben für unsere freie Zeit umgeschaut», erzählt sie, und ihr Mann ergänzt: «Unser Ziel war nicht nur, ein sorgenfreies Leben im wohlverdienten Ruhestand mit Fitness und Freizeit zu geniessen. Wir wollten unsere Erfahrungen und unser Fachwissen aus dem Erwerbsleben für die Gesellschaft aktiv einsetzen.» Mit der Stiftung win60plus wurde dies möglich – für sie selbst und folglich auch für andere.

Gewinn für alle

Dass die Menschen immer älter werden, ist eine Herausforderung. Und zwar nicht nur für die Gesellschaft als Ganzes, sondern auch für die Senioren selber. Es gilt, die verbleibenden Jahre mit Bedeutung zu füllen. «Für die Allgemeinheit ergibt sich daraus ein riesiges Potenzial. Denn viele Menschen in unserer Altersgruppe möchten ihre Zeit, ihre Fähigkeiten und Kompetenzen sinnvoll einsetzen», so das Ehepaar Barmettler. Beide sind überzeugt: «Freiwilligenarbeit ist überall gefragt, in allen Lebensbereichen. Das reicht vom Sozialen über Gesundheit oder Familie bis zu Sport, Bildung oder Kirche.» Und gerade die Lebenserfahrung von Seniorinnen und Senioren sei gesucht – ob nun für Steuererklärungen, Fahr-, Besuchs- und Begleitdienste oder Hilfe bei Haus und Kindern. Win60plus schätzt, dass durch ihr Engagement der Vermittlung von Freiwilligen an soziale Organisationen bisher für die Gesellschaft eine Wertschöpfung von 1,1 Mio. Franken erzielt wurde. Und Altersforscher haben errechnet, dass die von Grosseltern geleistete Betreuungsarbeit in der Schweiz in etwa 50 000 Vollzeitstellen entspricht. Na, wenn das mal keine Win-win-Situation ist!

Viele Senioren wollen die verbleibenden Jahre mit Bedeutung füllen. Freiwilligenarbeit gibt ihnen ein gutes Gefühl.



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