Liebe im Alter: Gespräch mit einem Sexologen

Vor meinem Interview mit Eugen Bütler tippe ich bei Google seinen Namen ein. Es erscheinen Begriffe wie Sexologe, Coach, Theologe oder Aktivierungsfachmann. Als ich nach gut eineinhalb Stunden Gespräch auf die Uhr schaue, erschrecke ich fast, wie schnell die Zeit verging – und blicke zurück auf einen wunderbaren Dialog über Gott, die Welt und natürlich die Liebe.

Guten Tag, Herr Bütler. Im aktuellen viva!-Magazin dreht sich alles um das Thema Liebe und Sexualität. Reden wir Klartext: Gibt es eine eigentliche Alterssexualität? Und falls ja, wie unterscheidet sich diese von der Sexualität in jüngeren Jahren?
Da möchte ich gleich mit einem kleinen Witz starten. Als ein alter Mann gefragt wird, wann er denn das letzte Mal Sex gehabt habe, antwortet er spontan: «Das war 1945!» Das sei aber schon ziemlich lange her, entgegnete man ihm. «Nein nein», meinte der alte Mann schmunzelnd, «Sie haben mich wohl falsch verstanden – das letzte Mal war um Viertel vor acht.»

Persönlich denke ich, dass Sexualität – im weitesten Sinne – bis zu unserem Tod ein Thema bleibt. Natürlich geht es dabei im fortgeschrittenen Alter meist nicht mehr um die Sexualität, welche in erster Linie darauf aus ist, Spannungen abzubauen oder Kinder zu zeugen. Aber sich als sexuelles Wesen zu fühlen oder noch Bedürfnisse nach Nähe, Berührungen oder auch nach erotischen Gefühlen zu haben – im Sinne einer lebensbejahenden Lustenergie –, all das ist durchaus bis ins höchste Alter möglich.

Festzuhalten ist aber, dass die Unterschiede zwischen den Menschen gross sind. Denn wie schon bei jungen Leuten gibt es natürlich auch bei Hochbetagten solche, die noch viel Lust verspüren und solche, denen diese Themen nicht viel bedeuten. Beides ist vollkommen normal und hat seinen Platz. Etwas, was aber sicher alle Menschen teilen: Jeder hat das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden – ganz egal, ob jung oder alt.

Wenn wir von sexuellen Bedürfnissen im Alter sprechen: Funktionieren Frauen anders als Männer?
Ein klares Nein! Das ist ein Klischee. Gerade ältere Frauen, die sich ein wenig von übertriebenen «moralischen» Vorgaben lösen konnten, können ihre Bedürfnisse manchmal sehr klar äussern und ausleben. Zu Hilfe kommt ihnen hierbei vielleicht zusätzlich die Tatsache, dass im Alter die hormonellen Schwankungen aufgrund des Monatszyklus kaum mehr vorhanden sind. So kann eine Frau – entgegen vieler Klischees – noch genauso konstant Lust haben wie ein Mann. Tendenziell ist eine Frau in der partnerschaftlichen Sexualität aber weniger auf ein Ziel gerichtet. Sie erlebt Zärtlichkeit und Sinnlichkeit häufig ganzheitlicher. Doch wie jeder Mensch anders empfindet, empfindet auch jede Frau anders. Dies bezieht sich auch grundsätzlich auf den Wunsch nach Sexualität. Die eine Frau wünscht sich erotische Gefühle und Nähe, die andere fühlt sich mit sich alleine am wohlsten. Beides ist normal und darf so sein.

Welchen konkreten Herausforderungen bei der Erfüllung sexueller Bedürfnisse in Heimen begegnen Sie? Und wie werden diese gelöst?
Ich bin zwar bei Viva Luzern nicht als Sexualtherapeut tätig, sondern habe in erster Linie die Aufgabe eines Aktivierungsfachmannes, aber es gab durchaus schon Situationen, wo die Pflegeleitung auf mich zukam und mich um Rat gebeten hat. Doch bevor ich dieses etwas spezielle Beispiel erzähle, möchte ich auf ganz normale alltägliche Situationen hinweisen. So erlebe ich manchmal Bewohnerinnen, welche mir ungewöhnlich lange die Hand halten beim Grüssen oder die während eines Tanzanlasses mehr Nähe als angezeigt suchen. Dann geht es darum, taktvoll und wohlwollend etwas Distanz zu wahren oder ganz bewusst locker und natürlich die Geste zu erwidern und die Situation dadurch zu entkrampfen.

Natürlich erleben solche und ähnliche Situationen auch unsere Pflegemitarbeiterinnen im Haus immer wieder. Ein Extrembeispiel dafür war ein Bewohner, der, nachdem seine Frau verstorben war, seine Bedürfnisse nicht richtig in den Griff bekam und leider immer wieder Pflegende begehrend berührte. Nach längeren Gesprächen kamen die Pflegeverantwortlichen zum Schluss, dass wir für ihn jemanden suchen sollten. Daraufhin haben sie mich angefragt, ob ich bereit wäre, dies zu übernehmen. Zuerst habe ich ein paar Berührerinnen angefragt. Die sind zwar sehr professionell, aber auch unerschwinglich teuer. So ein Dienst kostet schnell einmal 600 Franken, die man selber bezahlen muss. Ich habe dann noch weiter recherchiert und bin letztlich bei einer russischen Frau fündig geworden, welche das wirklich sehr toll und einfühlsam gemacht hat. Ich gebe zu, für uns alle war die Situation ziemlich neu und ungewohnt. Trotzdem darf ich sagen, dass im Endeffekt alle zufrieden waren und sicherlich niemand einen «Schaden» davongetragen hat. Ganz im Gegenteil. Die unmittelbare Folge davon war nämlich, dass dieser Herr seine Ruhe fand und nie mehr übergriffig wurde.

Was halten Sie persönlich von Dienstleistungen wie Berührerinnen oder Prostituierten für betagte Menschen? Ist dies ein Thema in den Betagtenzentren von Viva Luzern?
Trotz der vorher erzählten Geschichte bin ich – um es vielleicht etwas pointiert auszudrücken – ganz klar der Auffassung, dass es nicht etwa darum gehen darf, dass wir quasi ein «Abonnement» bei den Dirnen der Stadt lösen. Vielmehr muss es darum gehen, äusserst sorgfältig nach jemandem zu suchen, der bereit ist, sich intim mit einem alten Menschen einzulassen. Das heisst auch, dass wir zunächst einmal sehr genau klären, ob eine solche Dienstleistung wirklich dem entspricht, was diese Person sucht. Nicht immer ist die Lösung so handfest wie im Fall des erwähnten Bewohners. Häufig ist auch etwas anderes angezeigt.

Auch ältere Bewohner wollen, wenn sie Mitarbeiterinnen «anmachen», nicht unbedingt Sex. Es ist wichtig, das genau zu klären, bevor zu schnell Schlüsse gezogen werden. Eine Berührerin kann immer eine von verschiedenen Varianten sein. Meine Meinung ist aber, dass man sehr achtsam vorgehen muss. Aber klar – wenn das Bedürfnis fast schon existenziell geworden ist, wie bei dem erwähnten Bewohner, dann kann ich keinen Grund sehen, warum wir einem solchen Wunsch nicht nachkommen sollten.

Können Sie sich erklären, warum Sexualität im Alter noch immer ein solches Tabuthema ist? Wie könnte dies geändert werden?
Das hat mit dem ganzen Körperkult zu tun: Junge Menschen werden mit «perfekten» Körpern abgebildet, die allgegenwärtig sind. Wir haben es in einem gewissen Sinne gar nie «gelernt», Sexualität auch mit Falten und Runzeln in Verbindung zu bringen. Dabei spielen für zwei Liebende ein paar Falten natürlich absolut keine Rolle, da geht es um ganz andere Qualitäten. Leider sieht das aber in der öffentlichen Wahrnehmung, in der kommerzialisierten Sexualität, ganz anders aus. Schon ganz junge Menschen kämpfen mit dem Problem, dass sie meinen, alles müsse stets perfekt sein, es vertrage kein Gramm Fett zu viel und so weiter. Dabei geht es doch um Verbundenheit, um Intimität, um Liebe … darum, einander zu erkennen. Als Theologe bin ich zudem der tiefsten Überzeugung, dass Religion und Sexualität ganz und gar zusammengehören. Denn Spiritualität ist die innere Verbindung zum Göttlichen, und Sexualität ist eine Intimität mit dem Partner und hat immer auch einen energetisch-spirituellen Aspekt. Wenn wir DAS begreifen, spätestens dann kann es nicht mehr um ein paar Falten oder ein paar Gramm «zu viel» gehen.

In Ihrer täglichen Arbeit als Coach beraten Sie ja selbstverständlich nicht nur ältere Menschen. Gibt es zum Schluss etwas, das Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben möchten, das Ihnen im Zusammenhang mit unserem Leitthema, der Liebe, besonders am Herzen liegt?
Lebe die Liebe! Lebe sie, soweit immer möglich, auch körperlich. Entdecke, was dir selber dabei geschenkt wird! Lebe dich selber in der Liebe, nimm deine Bedürfnisse gut wahr, schaue nicht nur für den anderen, sondern sei auch gut zu dir! Dann wirst du eine erfüllende Sexualität und Liebe erleben. Sollte dies nicht mit einem Partner möglich sein, dann schaue gut zu dir selber. Sei lieb mit dir – auch körperlich.

«Sexualität hat für mich immer auch etwas Spirituelles.»
Eugen Bütler, Sexualtherapeut und Theologe


Reto von Wartburg, Texter, Grafiker und Musiker, führte das Interview:
Auszug aus dem viva! Magazin, April 2018, Ausgabe 6 (PDF)


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    Quelle: www.buetlercoaching.ch