Sinn finden im Alter

Menschen suchen ständig nach Sinn. Im Alter kann sich das als schwierig erweisen. Umso wichtiger ist es, sich auf spezifische Weisen der Sinn-Findung im Alter zu besinnen. Und manchmal gehört es dazu, Situationen der Sinn-Leere auszuhalten und auf das zu warten, was noch als Letztes Sinn zu stiften vermag: das eigene «sterben können».

Menschen sind zutiefst sinnbedürftige Wesen. Um Lebenszufriedenheit zu erlangen, brauchen wir Sinn-Erfahrungen so sehr wie Speis und Trank. Der Wiener Psychiater Viktor E. Frankl hat den «Willen zum Sinn» als tiefstes menschliches Bedürfnis bezeichnet. Sinn setzt Lebensenergien frei, stärkt seelische Widerstandskraft und fördert die Gesundheit.

Dabei ist Sinn etwas Subjektives. Man kann ganz grob sagen: Sinn ist das, was uns persönlich das Gefühl gibt, unser Leben sei bejahenswert, sei lohnenswert und bedeutsam, kurz: es sei in irgendeinem Sinn stimmig.

Meist empfinden wir Sinn nicht bewusst, indem wir über die Sinnfrage nachdenken, sondern eher unbewusst-intuitiv. Die 90-jährige Leni Altwegg formuliert: «Ich fühle mich eingebettet in einen Sinnzusammenhang – undurchschaubar, aber letztlich zugewandt.» Bewusst wird uns die Sinnfrage oft erst, wenn Sinn nicht mehr selbstverständlich als eine Art Hintergrundmusik unser Leben begleitet, sondern durch irgendwelche Schicksalsschläge erschüttert wurde. Das kann einem insbesondere im höheren Alter angesichts von gesundheitlichen Einbrüchen, von Erfahrungen von Grenzen und Verlusten passieren. Der Soziologe Peter Gross meint, man laufe der Sinnfrage im Ruhestand schnurstracks in die Arme, weil die zentralen Sinnsäulen des vorherigen Erwerbs- und Familienlebens wegbrechen. Wie kann man dann Sinn finden im fortschreitenden Alter?

Sinnperspektiven
Sinnsuche und Sinnfindung im Alter kann sich in verschiedenen Perspektiven vollziehen: im biografischen Rückblick auf das bisherige Leben, im Ausblick auf Dinge, die von der Zukunft erwartet werden, und im Erfahren von Glücksmomenten in der Gegenwart. Es liegt auf der Hand, dass im Alter der Lebensrückblick ein naheliegendes Thema ist. Wer sein vergangenes Leben erinnern und darin so etwas wie einen roten Sinnfaden entdecken kann, wird Dankbarkeit und Lebenszufriedenheit finden. Dabei müssen Brüche und problematische Phasen gar nicht wegretuschiert werden. Vielleicht kann man sogar darüber staunen, dass aus manchen Schwierigkeiten unerwartet Gutes erwachsen ist. Und man kann lernen, auch zu dem Ja zu sagen, was vielleicht missglückt ist, was man aber trotzdem ins Leben integrieren und bewältigen konnte.

«Um als Alter seinen Sinn zu erfüllen und seiner Aufgabe gerecht zu werden, muss man mit dem Alter und allem, was es mit sich bringt, einverstanden sein. Man muss Ja dazu sagen. Ohne dieses Ja gehen uns der Wert und Sinn unserer Tage verloren.»

Achtsamkeit
Je älter jemand wird, desto weniger wird Sinn wohl in Erwartungen an die Zukunft gesucht. Sie wird in der Regel nicht mehr viel Neues, Erstrebenswertes bringen. Umso wichtiger ist die Fähigkeit, in kleinen Erfahrungen des Alltags Glücksmomente zu erleben und auszukosten. So schreibt die 91-jährige Psychologin Erika Horn: «Wir müssen uns bemühen um ein Offenbleiben auf Lebensfreuden hin, die sich leicht in dieser Lebensphase verdunkeln können. Gerade in den sich verkleinernden Lebensräumen werden die ganz einfachen Lebensfreuden noch intensiver, noch tröstlicher. Etwa das Stück Wiese vor dem Haus und ihr tiefes Grün, der Duft der Rosen, eine Grusskarte der jüngsten Enkelin, ein liebes Telefongespräch, ein unerwarteter Besuch. Wir müssen alles ganz bewusst wahrnehmen, es ‹auskosten›.» Wer sich in einer solchen Lebenskunst übt, dem wird es auch im höheren Alter nicht an Sinn-Erfahrungen mangeln.

Sinn und Sinnlichkeit
Dabei spielen sinnliche Erfahrungen eine wichtige Rolle: das Berührtwerden durch die Umarmung eines Besuchers, das Streicheln des weichen Fells einer Katze, das Spüren der Sonne und des Windes auf der Haut bei einem Spaziergang im Garten, das Anhören einer CD mit Lieblingsmusik oder das Verkosten von Speisen, die vielleicht an frühere Zeiten erinnern. Manche alten Menschen lernen besser als in jüngeren Jahren die Kunst der Rezeptivität, des Empfangens, statt wie früher primär auf das Leisten und Geben fokussiert zu sein.

Freiheit und Gelassenheit
Die psychische Entwicklung im Verlauf des Alterns bringt es mit sich, dass gewisse Einstellungen zum Leben im Alter leichter entwickelt werden können als in jüngeren Jahren. Dazu gehört die innere Freiheit, einfach sich selbst zu sein, niemandem mehr irgendetwas beweisen zu müssen, auch nicht mehr zu meinen, man müsse überall mitreden und mitwirken. Hermann Hesse nannte das die Haltung einer vita contemplativa: «Das Schauen, das Betrachten, die Kontemplation wird immer mehr zu einer Gewohnheit und Übung, und unmerklich durchdringt die Stimmung und Haltung des Betrachtenden unser ganzes Verhalten. Im grossen Bilderbuch unsres eigenen Lebens behutsam blätternd, wundern wir uns darüber, wie schön und gut es sein kann, jener Jagd und Hetze entronnen und in die vita contemplativa gelangt zu sein. Hier, in diesem Garten der Greise, blüht die Blume der Geduld, ein edles Kraut, wir werden gelassener, nachsichtiger, und je geringer unser Verlangen nach Eingriff und Tat wird, desto grösser wird unsre Fähigkeit, dem Leben der Natur und dem Leben der Mitmenschen zuzuschauen und zuzuhören, es ohne Kritik und mit immer neuem Erstaunen über seine Mannigfaltigkeit an uns vorüberziehen zu lassen, manchmal mit Teilnahme und stillem Bedauern, manchmal mit Lachen, mit heller Freude, mit Humor.» Solche innere Freiheit und Gelassenheit wirkt sinnstiftend und bewirkt Zufriedenheit.

Das Alter bejahen
Es gibt heute eine weltweit verbreitete Strömung des Anti-Agings, die gegen das Altern ankämpfen will. Ihr Slogan lautet «forever young» (ewig jung bleiben). Wer das Alter und den Prozess des Alterns bekämpft, wird schwerlich Sinn finden in fortgeschrittenen Jahren. Nur wer lernt, selbstbewusst zu altern und sein Alter erhobenen Hauptes zu leben, dürfte für spezifische Sinn-Erfahrungen des Alters aufgeschlossen sein. Auch das hat Hermann Hesse klar gesehen: «Um als Alter seinen Sinn zu erfüllen und seiner Aufgabe gerecht zu werden, muss man mit dem Alter und allem, was es mit sich bringt, einverstanden sein. Man muss Ja dazu sagen. Ohne dieses Ja gehen uns der Wert und Sinn unsrer Tage verloren.» Hier liegt eine doppelte Dynamik vor: Wer Ja sagt zu seinem Alter, wird eher auch in fortgeschrittenen Jahren Sinn-Erfahrungen machen. Und wem sich Sinn-Erfahrungen im Alter erschliessen, der wird zum Leben und zum Alter Ja sagen können.

Sinn-Leere aushalten
Die Sinnfrage im Alter vermag also^durchaus altersspezifische Sinn-Antworten zu entdecken. Daneben ist aber nicht zu bestreiten, dass es auch das Gegenteil gibt: das Leiden an einer Sinn-Leere, wenn das Leben zu einem belastenden Leerlauf wird und das einzig Sinnvolle, wonach man sich noch sehnt, das «sterben können» ist. Der Schriftsteller Kurt Marti hat das so beschrieben: «Ich habe das Gefühl, ich wäre doch überfällig, überzählig mit mehr als 92 Jahren. Es wäre längst Zeit, dass ich hätte sterben dürfen. Das Leben wird ein Leerlauf. Ich spüre das sehr stark. Ja, was soll ich eigentlich noch? Deshalb hoffe ich jeden Abend beim Einschlafen, ich würde am nächsten Morgen nicht mehr erwachen.»

Solche Erfahrungen gilt es auszuhalten. Billige Vertröstungen mit irgendwelchen verborgenen Sinn-Zusammenhängen wären da unangebracht, ja geradezu zynisch. Menschen brauchen zwar Sinn und suchen ständig nach Sinn – bewusst oder unbewusst. Aber es ist ihnen nicht garantiert, dass sich ihnen ihr Leben jederzeit als sinnvoll erschliesst. Manchmal muss man auch so etwas wie Sinnlosigkeits-Toleranz entwickeln und es aushalten, dass das Leben sinnlos erscheint und man nur noch sein Ende herbeiwünscht.

Das ist umso leichter auszuhalten, wenn man sich der Begleitung durch Mitmenschen anvertrauen kann, die beides können: die Erfahrung von Sinnlosigkeit eines Gegenübers aushalten, ohne sie zu beschönigen, aber gleichzeitig feinfühlig und sensibel danach Ausschau halten, wo im Leben eines betagten Gegenübers allenfalls noch kleine Erfahrungen des Glücks und der Stimmigkeit möglich sind, die helfen, das Warten auf den Tod erträglich zu machen.

  • Dr. Heinz Rüegger ist Theologe, Ethiker und Gerontologe. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Neumünster in Zollikerberg, einem interdisziplinären Kompetenzzentrum der Stiftung Diakoniewerk Neumünster, das sich mit Altersfragen beschäftigt.

Büchertipps
  • Alter(n) als Herausforderung. Gerontologisch-ethische Perspektiven. Theologischer Verlag, Zürich AG. ISBN 978-3-290-17517-7.
  • Vom Sinn im hohen Alter. Eine theologische und ethische Auseinandersetzung.
    Theologischer Verlag Zürich AG. ISBN 978-3-290-17871-0.








Dr. Heinz Rüegger, Theologe, Ethiker und Gerontologe