Wilhelm Schmid: Von den Freuden des Älterwerdens

Der Berliner Lebenskunstphilosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid zeigt auf, wie es gelingen kann, zur viel zitierten Gelassenheit zurückzufinden – ein wertvolles Gut in einer Zeit, in der selbst das Älterwerden eher stürmisch geworden ist.

Guten Tag, Herr Schmid. Sie haben ein Buch über das Älterwerden geschrieben. Die meisten Menschen laufen vor diesem Thema davon. Sie verdrängen mit Diäten, Fitnesstraining, Gehirnakrobatik, Botox, Schönheitsoperationen, neuen Liebschaften und späten Karrieren die unausweichliche Tatsache, dass wir eines Tages alle gehen müssen.
Das Alter bleibt den Menschen auf diese Art aber erst recht auf den Fersen wie ein Stalker. Die Aufgabe beim Älterwerden scheint mir gerade nicht Weglaufen und Verdrängen zu sein, sondern stehen bleiben, innehalten, hinschauen, sich stellen, die Tatsachen des Lebens und des Sterbens annehmen. Und das kann man nur mit Gelassenheit hinbekommen.

Gelassenheit … Welch wunderbares Wort! Wie haben Sie persönlich die Gelassenheit wiederentdeckt?
Aus Wut bin ich darauf gekommen. Mein 60. Geburtstag war für mich ein gewaltiges, beunruhigendes Weckerklingeln. Das hat mich, ehrlich gesagt, vollkommen umgehauen. Dabei war ich theoretisch doch so gut darauf vorbereitet. Dachte ich jedenfalls. Als Philosoph versuche ich immer vorauszudenken und auch vorausschauend zu handeln. Also hatte ich mich schon lange mit dem Älterwerden und dem Sterben beschäftigt, sogar Vorträge habe ich zu diesen Themen gehalten und meiner Mutter über die Schultern geguckt, die das wunderbar gemacht hat.

Was genau hat Ihre Mutter wunderbar gemacht?
Das Älterwerden. Und das Sterben auch. Sie war früher eine sehr strenge Frau, die zusammen mit meinem Vater sechs Kinder grossziehen und als Bäuerin hart arbeiten musste. Dann wurde sie älter und, vielleicht auch unter dem Einfluss ihrer Enkel, eine ganz milde, geradezu zärtlich zugewandte Frau. Ich konnte in den letzten zwei, drei Jahrzehnten ihres Lebens meine Mutter umarmen, was mir früher niemals gegeben war, auch keinem anderen ihrer Kinder. Wir konnten die Gespräche führen, die ich früher immer vermisst hatte. Sie hatte eine Heiterkeit und eine Gelassenheit, die hinreissend waren. Vorbildlich. Auch mein Vater war ein grosses Vorbild, ein Naturphilosoph, ein einfacher Landwirt, der sich viele gute Gedanken gemacht hat und uns ein grossartiger Vater und Lehrer war. Sein Motto war immer: Das Sterben verschieben wir auf zuletzt. Und als es dann so weit war, sagte er: Schaut gut zu. Ich zeige euch jetzt, wie man stirbt. Auch meine Mutter war durch ihr bevorstehendes Ende nicht ernsthaft beunruhigt, sie war wirklich gelassen. Als klar war, dieses wird ihr letzter Tag sein, hat sie ruhig gesagt: Ich weiss, wohin ich gehe. Dann ist sie gestorben.

Wohin ging Ihre Mutter denn?
Nach ihrer Überzeugung ging sie zurück zu ihrem Mann, den sie sehr geliebt hat. Und ich habe es mir versagt, mich darüber zu stellen und zu denken: Ich weiss, dass das nicht stimmt. Nein. Vielleicht stimmt das eben doch! Vielleicht war sie klüger als unsereiner, der glaubt, nach dem Tod sei alles zu Ende.

Wenn die Mutter stirbt und der Vater schon tot ist, und man dann 60 wird, dann weiss man wirklich: Der Nächste bin ich. Oder?
Ja, genau so ist es. Zu der grossen Lebensleistung, die Eltern für uns erbringen, gehört auch, dass sie einen Puffer bilden zwischen uns und dem Tod. Wir müssen unser halbes Leben lang den Tod nicht ansehen, weil die Eltern dazwischen stehen. Wenn sie dann weg sind, haben wir plötzlich direkten Blickkontakt zur Grenze des Lebens. Darauf sind die wenigsten vorbereitet, und das muss man dann erst mal aushalten.

Und wie erreiche ich nun ganz konkret diese wahre Gelassenheit?
Genau das war meine nächste Frage. Ich habe dann nach und nach zehn Schritte zur Gelassenheit zusammengetragen. Und diese Schritte habe ich versucht, auch selber zu gehen; nicht nur theoretisch, sondern praktisch vor allem. Und siehe da: Von Manuskript zu Manuskript – es gibt ungefähr zehn bis zwanzig Entwürfe – wurde ich selber gelassener.

Das kleine Buch, welches ein Riesenerfolg wurde, war also eigentlich eine Art Selbsttherapie?
Ja, natürlich. Das werden die besten Bücher, die erst einmal dem Autor viel bedeuten. Es sind im Einzelnen ja auch gar keine Neuigkeiten, die ich zusammentrage, es sind wohlbekannte Dinge. Neu ist nur die Ausrichtung: Schau mal her! Das, was du längst kennst, wenn du das beherzigst und ernst nimmst, hat was mit Gelassenheit zu tun. Gewohnheiten zum Beispiel machen gelassener. Gewohnheiten laufen automatisch ab. Wir brauchen dafür keine Kraft. So eine Rückzugsmöglichkeit in Gewohnheiten können wir in heutiger Zeit sehr, sehr gut gebrauchen. Oder: Beziehungen pflegen, Freundschaften, Lieben. Das macht gelassener. Ich erlebe auch immer mal wieder Anfeindungen. Was lässt mich dann mühelos widerstehen? Das Bewusstsein: Ich kann zu meiner Frau gehen. Ich kann mit meinen Kindern sprechen, mit meinen Freunden, dann ist alles schon viel besser.

Also muss der Mensch, der permanent die Endlichkeit seiner Existenz verdrängt, ganz einfach nur Ihr Buch lesen und schon ist die Gelassenheit da?
Natürlich nicht. Eine Grundfrage des Lebens ist immer der Übergang von der Theorie zur Praxis. Ich nenne das die «asketische Brücke». Das griechische Wort askesis heisst Übung. Und nur so, durch eine Askese, durch üben also, funktioniert die Umsetzung von Erkenntnis in Handeln. Ich mache etwas, aber nicht nur einmal, sondern zehnmal, hundertmal, tausendmal, Tag für Tag, Woche für Woche, bis sich das einschleift und zur zweiten Natur wird. Nur so geht das. Das verstehen viele Menschen nicht und wundern sich, warum sie nicht automatisch von der Einsicht zur Handlung kommen.

Dann nehmen wir also mal eine Ihrer Empfehlungen zur Erreichung der Gelassenheit und versuchen das durchzuspielen…
Gut. Berührung zum Beispiel. Berührungen, das können Menschen sehr leicht theoretisch einsehen, machen gelassener. Ein Mensch braucht nur die Hand eines vertrauten Menschen in seine Hand zu nehmen und es durchpulst ihn eine neue Energie, in der Berührung geht die Energie hin und her. Das kann man üben. Je intensiver die Berührung wird, bis hin zur erotischen Berührung, desto stärker der wechselseitige Energiefluss.

Diese Übung klingt eigentlich ziemlich simpel und einfach.
Ja, natürlich. Es muss erst mal eine leichte Übung sein. Es hat keinen Sinn, gleich mit den schweren Dingen anzufangen. Übe erst mal mit Schokolade. Du willst dich darin üben, nicht mehr so viel Schokolade zu essen, weil sie deinem Körper nicht gut tut. Verzichte nicht gleich auf die ganze Schokolade. Mache eine Rippe weniger pro Tag. Und in einem Monat bist du dabei, dass die letzte Rippe nur noch übrig bleibt.

So lernst du, dich zu üben. Und wenn du Üben gelernt hast, dann kannst du das auf schwierigere Dinge anwenden. Übe dich zum Beispiel darin, nicht mehr so zornig zu sein. Das ist sehr viel schwerer. Dazu muss man das Üben geübt haben, dann lässt sich das auch auf den Zorn übertragen. Jeden Tag ein zorniges Wort weniger.

Also ganz nach dem Motto: Wenn ich gestern noch zehnmal zornig war, dann sollen es heute nur noch neunmal sein?
Genau. Und genauso wie bei der Schokolade ist das Ziel niemals, ganz auf den Zorn zu verzichten. Das ist zu viel. Der Zorn soll bleiben. Zorn ist eine vitale Lebensäusserung, so wie Schokolade eine wunderbare Genussangelegenheit ist. Es geht nur darum, das vernünftige Mass zu finden.

Der letzte Punkt in Ihrem Buch handelt von Transzendenz – also davon, dass wir unsterblich sind, weil unsere Energie auch nach dem Tod erhalten bleibt. Das liest sich tröstlich, aber irgendwie fällt es schwer, daran zu glauben. Glauben Sie denn wirklich selber daran?
Uns bleibt an diesem Punkt nur glauben. Glauben heisst: nichts wissen. Und wir wissen darüber nichts. Statt glauben kann man auch sagen: deuten. Die eigene Deutung des Lebens ist der oberste Gerichtshof der Existenz.

  • Nach einer Lehre als Schriftsetzer und vier Jahren bei der Bundeswehr holte der Bauernsohn Wilhelm Schmid am Bayernkolleg Augsburg das Abitur nach, studierte Philosophie und Geschichte an der FU Berlin, der Pariser Sorbonne und der Universität Tübingen. Seine Doktorarbeit schrieb er über Michel Foucault. Von 1998 bis 2007 arbeitete er regelmässig als «philosophischer Seelsorger» am Spital Affoltern am Albis. Seine Lebenskunst-Bücher wurden in 14 Sprachen übersetzt. Das neuste, ein kleines rotes mit dem Titel «Gelassenheit: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden» ist im Insel Verlag erschienen und stand wochenlang ganz oben auf der Bestsellerliste.
Foto: Thomas Koy / Shurkamp Verlag




Wilhelm Schmid / Foto: Thomas Koy/Suhrkamp Verlag