
Standpunkt Andrea Wanner – Die stille Stärke der Nacht
Während die einen wach liegen, wachen die anderen. Viva Luzern ist ein 24/7-Betrieb. Voller Leben, individueller Bedürfnisse und stiller Helden. Gerade die Nacht ist weit mehr als eine ruhige Phase zwischen zwei Tagen.
Es ist drei Uhr morgens und ich bin schweissgebadet aufgewacht. Wieder einmal. Die Perimeno-phase – eine Lebensphase, über die viel zu wenig gesprochen wird – beschert mir derzeit unruhige Nächte. Herzrasen, Hitzewallungen, Schlaflosigkeit. Man soll es annehmen, sagt man. Beim Annehmen bin ich noch am Üben. Stattdessen stehe ich auf, mache mir einen Tee, scrolle durch Modetrends im Internet oder greife zum E-Reader. Meist schlafe ich nach zwei Seiten im Stuhl wieder ein. Nicht ideal, aber es ist meine Art, mit dieser Veränderung umzugehen.
Während ich nachts wach liege und mich mit meinem Körper auseinandersetze, sind auch andere Menschen wach. Nicht, weil ihr Körper sie weckt, sondern weil sie wachen. Für andere. Ich denke an unsere Mitarbeitenden der Nacht bei Viva Luzern. An jene, die durch dunkle Flure gehen, wenn nur die Fluchtwege beleuchtet sind. Die auf die Nachtglocke reagieren, Trost spenden, Medikamente geben, beim Toilettengang helfen. Die da sind, wenn andere sie brauchen. Sie tragen Verantwortung im Alleingang oder in kleinen Teams – mit hoher Fachkompetenz, schneller Reaktion und viel Herz. Damals, bei meinem Einführungsprogramm bei Viva Luzern, lud mich das Nachtteam im Eichhof zu einer Teamsitzung ein. Es war ein wertvolles Zeichen: «Wir gehören auch dazu und sind ein wichtiger Teil des Ganzen.» Das hat mich berührt.
Eine Nacht voller Leben
Dass Viva Luzern ein 24/7-Betrieb ist, klingt selbstverständlich. Doch was das bedeutet, wird einem erst bewusst, wenn man genauer hinschaut. Denn nachts geschieht vieles – nur eben leiser, unauffälliger. Ein Herr mit Prostata-Problemen braucht viermal Hilfe beim Toilettengang. Eine Dame liegt seit zwei Uhr wach, ist einsam und möchte jemanden zum Reden. Ein ehemaliger Schichtarbeiter steht um drei Uhr morgens auf, weil das sein früherer Lebensrhythmus war – und ist. Eine Frau mit Demenz sucht ihren verstorbenen Mann und möchte «nach Hause».
All das ist Teil von «Im Alter zuhause». Unsere Mitarbeitenden kennen die Bewohnenden sehr gut und wissen genau, wie sie auf diese Bedürfnisse eingehen können. Der einsamen Dame bieten sie beispielsweise einen Tee an oder ein beruhigendes Duftöl aus der Aromatherapie. Es sind oft die kleinen Dinge, die den Unterschied machen zwischen Angst und Geborgenheit.
Selbstbestimmung statt feste Routine
Noch vor einigen Jahren waren fixe Kontrollrunden der Standard. Man ging nachts in die Zimmer und sah zum Rechten. Heute ist das anders. Die Zimmer sind wie Wohnungen. Und da entscheidet die oder der jeweilige Bewohnende, ob jemand nachts reinschauen darf. Ein Stück Privatsphäre, für das manche bewusst ein gewisses Risiko in Kauf nehmen. Das ist Selbstbestimmung im Alter.
Gleichzeitig erlebe ich, dass viele unserer Bewohnenden – mit einem Durchschnittsalter von 84 Jahren – feste Routinen sehr schätzen. Das gemeinsame Essen, die Jassrunde, das TV-Programm mit den Abendnachrichten. Diese Strukturen geben Orientierung. Aber: Die kommenden Generationen werden andere Ansprüche an die Lebensgestaltung im Alter haben. Nicht alle werden morgens um sechs aufstehen wollen, nicht alle um 18 Uhr zu Abend essen. Der Wunsch nach individuellen Rhythmen wird zunehmen.
Der Rhythmus macht’s
Für mich ist die Frage der Individualisierung kein Dilemma, sondern eine Aufgabe. Eine Herausforderung, der wir uns schrittweise stellen. Denn eines bleibt wichtig, egal wie individuell wir unsere Tage gestalten: ein stabiler Tag-Nacht-Rhythmus. Er verbessert den Schlaf, stärkt das Wohlbefinden und gibt Sicherheit. Gerade Menschen mit Demenz hilft er, ruhiger und ausgeglichener zu bleiben.
Wie fördern wir das bei Viva Luzern? Durch helles, natürliches Licht am Tag und gedämpfte Beleuchtung am Abend. Durch Aktivitäten und Bewegung, die den Tag strukturieren. Durch eine erfrischende Körperpflege am Morgen und beruhigende Rituale am Abend: ein warmes Getränk, ein ruhiges Gespräch. All das sind keine starren Regeln, sondern Angebote, die helfen, einen Rhythmus zu finden. Auch für mich ist der eigene Rhythmus sehr wichtig: Feierabend, umziehen, ab ca. 18 Uhr im Sattel. Ich bin nämlich viermal pro Woche mit meiner Stute Soraya unterwegs, egal ob es regnet oder längst dunkel ist. Diese Stunde draussen, in Bewegung, in der Natur, tut mir unglaublich gut.
Anschliessend nach Hause, duschen und Abendessen vor 20 Uhr. Den Abend lasse ich dann mit meinem Mann Thomas ausklingen. Nur die feste Schlafenszeit habe ich noch nicht gefunden. Daran arbeite ich noch.
Die stillen Helden der Nacht.
Zurück zu den Mitarbeitenden der Nacht. Für mich sind sie weit mehr als eine stille Präsenz im Dunkeln – sie sind eine tragende Säule der Versorgung, Sicherheit und Menschlichkeit. In den Nachtstunden sind Pflegebedürftige besonders verletzlich. Ängste, Desorientierung, Schmerzen – all das tritt nachts häufiger auf. Ein bekanntes Gesicht, ein beruhigendes Wort, eine helfende Hand – das kann den Unterschied machen.
Nachtwachen erleben intensive Momente: stille Sterbebegleitungen, unruhige Nächte voller Pflegebedarf, emotionale Gespräche in schlaflosen Stunden. Die Teams tragen grosse Verantwortung. Doch ihre Arbeit geht oft unter. Wie bei den Strassenarbeitern, die nachts die Strassen ausbessern – am nächsten Morgen sieht man nichts mehr davon. Deshalb ist es mir so wichtig, dass wir die stille Stärke jener Menschen sichtbar machen, die wachen, während andere schlafen. Dass wir sie in Teamsitzungen einbinden, zu Personalanlässen einladen, den Kontakt halten. Dass wir ihnen Wertschätzung entgegenbringen – nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. Denn sie sind es, die durch ihre wachsame Präsenz den notwendigen stabilen Rhythmus garantieren. Damit Sicherheit und Selbstbestimmung bei Viva Luzern auch in der Nacht spürbar bleiben.
Andrea Wanner, Geschäftsführerin Viva Luzern