
Schlaf – der andere Teil des Lebens
Wie schläft es sich im Alter? Was braucht es für einen guten Schlaf und welche Rituale helfen dabei? Was für Gefühle kommen in der Nacht zum Vorschein? Der 87-jährige Rudolf Frevel erzählt, wie er als Bäcker lernen musste, jederzeit zu schlafen. Und warum er heute auch mal singt vor dem Einschlafen.
Wenn er nicht geweckt werde, schlafe er gut. Rudolf Frevel sitzt an seinem Tisch. Vor ihm liegt die Tageszeitung, ein Buch mit Kreuzworträtseln, Schreibzeug und ein paar wenige persönliche Sachen. Viel sei es nicht mehr, murmelt er und zeigt auf das alte Jugendstil-Möbel an der Wand. Damals, ungefähr vor drei Jahren, musste es schnell gehen. Zuerst lag er im Spital. Er habe überall Wassereinlagerungen gehabt. Dann winkt er ab. Heute ist nicht mehr wichtig, was war – klar war einfach, dass es allein zu Hause nicht mehr ging. Nun hat er hier sein eigenes Zimmer im Alterszentrum Wesemlin. «Viel konnte ich nicht mitnehmen, aber ich fühle mich wohl hier.»
Abendspaziergang im Klostergarten
Eigentlich sei er schon immer ein guter Schläfer gewesen, sagt der 87-Jährige. «Es gab auch Nächte, in denen ich keinen Schlaf fand. Dann war ich aber selber schuld», fügt er an und grinst. Etwa, wenn er zu viel Kaffee getrunken hatte. «Oder zu viel Bier. Oder Schnaps.» Diese Zeiten sind längst vorbei. Das Leben wird ruhiger, wenn man in die Jahre kommt, das ist auch bei ihm so. Die Stunden vor dem Zubettgehen verlaufen gemächlich und haben sich zu einem Ritual entwickelt. Um sechs Uhr abends, wenn er vom Essen in sein Zimmer zurückkommt, schaltet er den Fernseher ein und schaut die Nachrichten des Tages. «Wenn das Wetter stimmt, mache ich anschliessend im Klostergarten oder ums Haus herum einen Spaziergang», sagt Rudolf Frevel. Das tue ihm gut, fügt er an. Nicht nur körperlich. Zwischen acht und halb neun kehrt er in sein Zimmer zurück. Er bekommt seine Medikamente, und das Pflegepersonal hilft ihm, sich für die Nacht bereit zu machen.
Beten vor dem Einschlafen
Bevor er sich hinlegt, setzt er sich nochmals vor den Fernseher. Warum nicht im Bett liegend noch einen Film schauen? Rudolf Frevel schüttelt den Kopf. «Dann würde ich sofort einschlafen, und der TV läuft die halbe Nacht.» Wenn ein Fussballspiel läuft, wird es auch mal spät. «Die Spiele der Schweiz und von Deutschland schaue ich mir gerne an», sagt der gebürtige Deutsche. An diesen Abenden wird es halb zwölf, bis er das Licht löscht. Normalerweise legt er sich spätestens um zehn Uhr ins Bett. Egal, wie spät es wird: Bevor er einschläft, betet er. Als Marienverehrer sei er sich gewohnt, zu beten. Wie hört sich das an? «Manchmal ist es ein ganz kurzes, manchmal ein längeres Gebet», meint er. Meist denkt er vor dem Einschlafen an seine Frau, die vor knapp fünf Jahren gestorben ist. Die ersten Wochen nach ihrem Tod habe er nicht gut geschlafen, die Trauer raubte ihm den Schlaf. Heute nicht mehr, obwohl er sie immer noch vermisst. Sie ins Gebet einzuschliessen, tut ihm gut. «Ich rede mit ihr. Wir waren 62 Jahre verheiratet, sie bedeutet mir viel», sagt er nur. In letzter Zeit spricht er im Gebet auch mit seiner Schwägerin, die vor Kurzem gestorben ist. «Ich spreche mit verstorbenen Menschen, die mir lieb sind.» Er überlegt einen Moment. «Es kommt auch vor, dass ich etwas singe vor dem Einschlafen.»
Einen «Chabis» träumen
Schlafen – das ist bei Rudolf Frevel etwas, das angenehme, positive Gefühle auslöst. Auch wenn er manchmal einen «Chabis» träume. Genau erinnern könne er sich am Morgen meist nicht mehr. Einmal habe er von einem rauschenden Fest geträumt, dann von einer spannenden Reise und einmal sogar von einem Kampf, den er mit jemandem ausgetragen hat – der aber in der Realität nie stattgefunden habe, fügt er an. «Manchmal träume ich von Deutschland, wo ich bis 1958 gelebt habe.» Auch der Männerchor kommt in seinen Träumen vor, was kein Wunder sei, bemerkt er. Schliesslich sei er vierzig Jahre dabei gewesen und habe einiges mit dem Chor erlebt.
Schlafen im Keller
Als Kind machte er Dinge durch, die so manchem den Schlaf geraubt hätten. Zwei Jahre lang wohnte er zusammen mit seinen Geschwistern in einem Keller, um sich vor den Bombardierungen am Ende des Zweiten Weltkrieges zu schützen. Trotz der schwierigen und gefährlichen Umstände kann er sich nicht erinnern, schlecht geschlafen zu haben. Angst? Ja, das habe er schon gehabt. «Wenn die Sirenen heulten, verriegelten sie die Türen. Wir waren 24 Personen im Keller. Die Grossen schliefen unten, die Kleinen oben.» Er erinnert sich vor allem daran, dass immer irgendeiner geschnarcht hat. «Das hat mir ab und zu den Schlaf geraubt.»
Später war er es, der schnarchte. Die letzten Jahre mit seiner Frau schlief er wegen seiner Schlafapnoe allein in einem Zimmer. Er selbst konnte eigentlich immer und überall schlafen, egal wie laut es war. Als Bäcker ist das Thema Schlaf ohnehin etwas kompliziert. Die Arbeitszeit von morgens zwei Uhr bis gegen Mittag erfordert eine gewisse Flexibilität. Wenn möglich, machte er einen kurzen Mittagsschlaf und ging am Abend früh zu Bett. Auf besonders viel Schlaf kam er damals nicht, gibt er zu. «Meistens gingen wir am Freitagabend nach der Chorprobe noch etwas trinken. Es kam vor, dass wir verhockten und ich dann von der Beiz direkt zur Arbeit ging», erinnert er sich.
Momente der Ruhe und Erholung
Längst schläft Rudolf Frevel regelmässig in der Nacht, hinzu kommt ein kleiner Mittagsschlaf. Ab und zu weckt ihn seine Blase, ansonsten geniesst er die Zeit des Schlafs. «Es sind Momente der Erholung und Ruhe für mich.» Schlechte Gedanken, Ängste oder Sorgen plagen ihn glücklicherweise nicht. «Ich hatte ein schönes Leben mit vielen freudigen Momenten. Das lässt mich ruhig schlafen.» Mit zunehmendem Alter erwacht er etwas «zerknittert» am Morgen. Früher sei er einfach aufgestanden und sofort wach gewesen. Er ist auch öfter tagsüber müde. «Dann lege ich mich hin und döse ein wenig. Abschalten konnte ich schon immer gut.» Im Alterszentrum Wesemlin fühlt er sich gut aufgehoben und geborgen. Irgendwann kommt der Schlaf, der ewig dauert. «Das Rädlein hört einmal auf, sich zu drehen. So ist das halt.» Zum Glück raubt ihm auch das nicht den Schlaf.