
Standpunkt Andrea Wanner – zwischen werden, reifen und loslassen
«Eine Frau, die sich die Haare schneidet, ist im Begriff, ihr Leben zu ändern», sagte Coco Chanel. Bei mir ist es einfacher: Ich habe Lust auf Neues. Doch eines stimmt – Lebensphasen und Übergänge prägen uns.
Meine Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof im Solothurnischen war prägend. Schon mit acht Jahren bekam ich Aufgaben zugeteilt, die ich selbstständig erledigen musste. Es war eine schöne, aber auch strenge Zeit. Meine Mutter hatte klare Linien und hat mich und meine Schwestern geformt. Fernsehen gab es selten, und wenn wir einmal eine Tüte Chips öffnen durften, war das bereits etwas Besonderes. Mein Vater hingegen teilte mit mir die Leidenschaft für die Pferde, die wir selbst züchteten. Diese Liebe ist geblieben – sie zieht sich wie ein roter Faden durch alle meine Lebensphasen. Es gibt Dinge, die über alle Veränderungen hinweg Bestand haben. Sie erinnern uns daran, wer wir im Kern sind.
Mit 15 verliess ich den Hof für ein bäuerliches Haushaltlehrjahr im Welschland. Meine Mutter wünschte sich diese Ausbildung für uns Töchter – doch ich ging bewusst über die Kantonsgrenzen hinaus. Mit der Distanz konnte ich mich emanzipieren und ausleben. Die Arbeit fiel mir leicht, aber das Leben dort war auch streng: eine fordernde Gastmutter, eine fremde Sprache, alles neu. Nach einiger Zeit fuhr ich an den Wochenenden nicht mehr nach Hause. Stattdessen genoss ich das Leben: Partys, Freundschaften, Unbeschwertheit. Es war eine wundervolle Zeit. Das Zurückkommen war dann umso schwieriger. Denn wer einmal die Freiheit gekostet hat, tut sich schwer, sie wieder abzugeben.
Lehr- und Wanderjahre
Es folgten Jahre des Lernens und Ausprobierens. Die Ausbildung zur Hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin an der Fachhochschule in Bern öffnete mir die Türen zu Spitälern und Heimen. Praktika in Langenthal, Mendrisio und Wiedlisbach liessen mich unterschiedliche Betriebe und Kulturen kennenlernen. Ich lebte in Personalunterkünften, hatte nie Heimweh und sog alles auf, was ich lernen konnte. Diese Wanderjahre haben mir gezeigt, dass ich mich in neuen Umgebungen schnell zurechtfinde – eine Fähigkeit, die mir bis heute zugutekommt.
Mit 23 übernahm ich die Leitung Hotellerie in einem Pflegeheim mit 400 Bewohnenden – eine enorme Verantwortung für eine junge Frau. Ich hatte ein gutes Gefühl und packte zu. Es folgten weitere Stationen, ein Nachdiplomstudium, schliesslich der Wechsel zur Senevita. Jede Phase brachte mich weiter. Manchmal braucht es Mut, eine Chance zu ergreifen, auch wenn man sich noch nicht hundertprozentig bereit fühlt.
Wenn das Leben andere Pläne hat
Manche Phasen wählen wir, manche wählen uns. Als meine Mutter 2016 die Diagnose Alzheimer erhielt, begann für unsere Familie ein neuer, schwieriger Abschnitt. Drei Jahre später verlor ich meinen Vater. Diese Zeit hat mich zutiefst verändert – nicht nur als Tochter, sondern auch als Führungsperson. Ich habe erfahren, was es bedeutet, wenn vertraute Rollen sich auflösen. Wenn Eltern plötzlich zu jenen werden, die Begleitung brauchen. Wenn man loslassen muss, obwohl alles in einem festhalten möchte. In jener Zeit habe ich vor allem eines gelernt: Wer die eigenen Übergänge annimmt, entwickelt ein tieferes Verständnis für andere. Die Erfahrung mit meinen Eltern hat meinen Blick auf die letzte Lebensphase geschärft. Ich weiss heute, wie wichtig es ist, Menschen in solchen Übergängen nicht allein zu lassen – und ihren Willen zu respektieren, auch wenn er nicht dem entspricht, was wir uns wünschen.
Echte Empathie fragt anders
Die alte «goldene Regel» lautet: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Ein schöner Grundsatz, aber er greift zu kurz. Denn er geht von uns selbst aus und zwingt anderen unsere eigene Sichtweise auf. Echte Empathie fragt anders: Was braucht dieser Mensch jetzt – in seiner Phase, mit seiner Geschichte, nach seinen Vorstellungen? Nicht, was ich mir für ihn wünsche. Auch wenn wir es gut meinen: Es ist übergriffig, zu glauben, wir wüssten, was für jemanden das Beste ist.
Unsere Bewohnenden meistern mit durchschnittlich 84 Jahren einen einschneidenden Übergang – weg vom vertrauten Zuhause, hinein in eine neue Umgebung und Gemeinschaft. Auch die Angehörigen durchleben eine Veränderung: Rollen verschieben sich, Kinder werden zu Begleitenden ihrer Eltern. Das ist nicht leicht, und manchmal entstehen Spannungen, wenn die Wünsche der Familie nicht mit dem Willen der Bewohnenden übereinstimmen. Dann ist es unsere Aufgabe, klar zu sein: Solange jemand urteilsfähig ist, entscheidet er oder sie selbst.
Vielfalt der Lebensphasen
Auch unsere Mitarbeitenden stecken in unterschiedlichen Lebensabschnitten. 80 Prozent von ihnen sind Frauen. Viele jonglieren Beruf, Familie und eigene Umbrüche: Wiedereinstieg nach der Mutterschaft, Wechseljahre, pflegebedürftige Eltern. Andere stehen am Anfang – als Lernende, voller Energie und mit Ansprüchen, die sich von früheren Generationen unterscheiden. Diese Vielfalt ist kein Problem, das es zu lösen gilt. Sie ist eine Stärke, wenn wir sie richtig nutzen. Das bedeutet: genau hinhören, flexible Lösungen finden, individuelle Bedürfnisse ernst nehmen. Ein Betriebsleiter bei uns hatte kürzlich elf Mitarbeiterinnen, die schwanger waren oder kurz vor der Niederkunft standen. Er setzte sich mit jeder Einzelnen zusammen und fragte, wie sie sich die Zeit nach der Mutterschaft vorstelle. So konnte er erfahrene Fachkräfte im Betrieb halten – und sie haben eine Arbeit, die zu ihrer aktuellen Situation passt.
Werden, reifen, loslassen
Wo stehe ich selbst gerade? Mitten in der Lebensmitte, mit Gleitsichtbrille und gelegentlichen Hitzewallungen – willkommen in der Perimenopause. Eine Phase, über die noch immer zu wenig gesprochen wird, obwohl sie so viele Frauen betrifft. Aber auch sie gehört dazu: zum Werden, zum Reifen, zum Loslassen. Jede Phase verdient Aufmerksamkeit und bewusste Gestaltung. Nicht, weil wir alles kontrollieren könnten. Sondern weil in jedem Übergang die Möglichkeit liegt, zu wachsen – und anderen dabei zu helfen, dasselbe zu tun. Genau darin liegt für mich der Sinn von Führung: menschlich begleiten, achtsam zuhören, Verantwortung übernehmen. Unabhängig davon, in welcher Lebensphase jemand gerade steht. Und unabhängig davon, welche Frisur ich gerade trage.
Andrea Wanner, Geschäftsführerin Viva Luzern
Zitat Andrea Wanner
«Wer die eigenen Übergänge annimmt, entwickelt ein tieferes Verständnis für andere.»