
Generationen im Gespräch – Was durchs Leben trägt
Karl und Elfriede Vonwil, Silvan Bucher, Inthuyan Jeyarasa – vier Menschen im Alter zwischen 26 und 92 Jahren – unterhalten sich. Über Übergänge, Krisen, Akzeptanz. Darüber, was trägt, was Glück bedeutet und wie man wohlwollend zurückblickt.
Noch bevor die erste Frage im Raum steht, gibt Karl Vonwil einige seiner Witze zum Besten und zeigt, was ihn durch sein Leben getragen hat. Sein Humor, sein Charme und die Fähigkeit, wohlwollend zurückzublicken. «Warum soll ich mich grämen? Was vorbei ist, ist vorbei», sagt er. Was eine erstaunliche Fähigkeit ist, wenn man seinen Start ins Leben betrachtet: Vormundschaft, wechselnde Heimplätze, Lieblosigkeit, manchmal gar Gewalt.
Lebensphasen sind leise
Elfriede Vonwil wuchs in Graz auf und besuchte die Hotelfachschule. «Dann übersiedelte ich in die Schweiz. In Österreich gabs keine Arbeit, in der Schweiz waren Haushaltshilfen damals gesucht», sagt sie. Sie zog weiter nach Engelberg und arbeitete in der Bänklialp. Dort lernte sie ihren Karl kennen. Er wurde mit zwanzig aus der Vormundschaft entlassen und machte in Engelberg eine Lehre zum Bäcker-Konditor. «Es war das erste Mal, dass ich mich richtig frei fühlte.» Und dann kam Elfriede – und mit ihr eine neue Welt. Beim Zuhören entsteht der Impuls, diese Geschichte in Phasen zu gliedern. Doch Karl Vonwil setzt keine scharfkantigen Grenzen. «Lebensphasen kündigen sich selten laut an. Sie sind leise, verändern den Blick, verschieben innere und äussere Gleichgewichte.» Und doch könne man einige klar benennen, ergänzt Elfriede Vonwil. «Als Karl und ich uns kennenlernten, begann für uns beide ein ganz neues Leben.»

Umbrüche prägen
Während das Ehepaar berichtet, lauschen Silvan Bucher und Inthuyan Jeyarasa gebannt. Zwei junge Menschen, die in einem liebevollen Elternhaus aufwuchsen – der perfekte Start ins Leben, eigentlich. Aber auch in deren Biografien gibt es Herausforderungen. Für Inthuyan Jeyarasa begann mit seinem 18. Lebensjahr ein neuer Lebensabschnitt. Er verliess sein Elternhaus im Tessin und zog nach Luzern, um Deutsch zu lernen. Statt wie geplant nach drei Monaten zurückzukehren, trat er eine Praktikumsstelle in Zürich an. Von einem Moment auf den anderen war er für sich selbst verantwortlich. Die Bildungslandschaft, die neue Sprache – das forderte ihn. Auch Silvan Bucher kennt diese Erfahrung. Der Übergang von der Schule in die Lehre war einschneidend. «Ich hatte weniger Freizeit und innerlich spürte ich, dass ich mehr Verantwortung tragen musste. Während meiner zweiten Lehre schlichen sich Ängste in meinen Alltag. Zuerst leise, dann immer erdrückender.»

Kleine Dinge können tragen
Die Aussage von Silvan Bucher lässt die Vonwils aufhorchen. Sie diskutieren darüber, was es ausmache, ob man in einer Situation bestehen könne oder nicht. «Oft entscheidet wohl Glück darüber, wer stehen bleibt und wer nicht», meint Elfriede Vonwil, «und wir hatten viel Glück.» Was daneben auch trage, seien Heiterkeit und wertvolle Kleinigkeiten: ein Glas Wein zum Abendessen, ein Tanzabend im Casino, eine Wanderung. Das gönnte sich das Ehepaar selbst dann, wenn das Geld knapp war. «Wer ein Einkommen hat, mit dem er auskommen kann, hat schon viel», sagt Karl Vonwil.

Auf das Schöne zurückblicken – das beherrschen die Vonwils aus dem Effeff. Dabei sind es nicht grosse Momente, die sie hervorheben. Sondern eben kleine Dinge, die ein Miteinander hell machen. Und wenn es schwierig wird? «Dann reden wir. Das war schon immer so. Jeder teilt seine Meinung mit und wir schauen, wo wir den gemeinsamen Nenner finden.» «Mein Rezept war ausserdem so manches Mal, die Ruhe zu bewahren. Wo Karl temperamentvoll war, blieb ich ruhig», ergänzt Elfriede Vonwil. Reden, sich mitteilen, die Ruhe bewahren, das ist auch für Inthuyan Jeyarasa wichtig. «Ich tausche mich mit meiner Mutter aus. Ausserdem frage ich mich, wie ich in diese Situation geraten bin und was die Lösung sein könnte. Auch Fitness hilft oder etwas Feines kochen.» Für Silvan Bucher war es ein Prozess, bis ihm dieses Mitteilen gelang. «Es brauchte lange, bis ich mich öffnen und über meine Ängste reden konnte.»
Vonwils betonen, dass sie oft auch einfach machen mussten, um im Leben zu bestehen. «Als wir realisierten, dass Engelberg uns keine beruflichen Perspektiven bot, sind wir nach Luzern gezogen und haben geheiratet. Manche gaben uns ein Jahr, heute sind wir über 70 Jahre zusammen», sagt Elfriede Vonwil und blickt ihren Karl liebevoll an. In diesem Blick liegt mehr, als Worte sagen können: ein stilles Einvernehmen im Miteinander. Was für Karl Vonwil etwas absolut Neues war. «Als Elfriede in mein Leben kam, fühlte ich mich zum ersten Mal jemandem verbunden. Dieses Gefühl kannte ich bis dahin nicht.» Karl Vonwil wechselte den Beruf, besuchte weiterführende Schulen. Und auch Elfriede Vonwil arbeitete, selbst als sie Mutter wurde. «Das war damals verpönt, doch finanziell war es einfach nötig.»
Was ändert und was bleibt?
Heute hätten die jungen Menschen viel mehr Möglichkeiten. Und dadurch auch andere Herausforderungen. «Frauen sind selbstbewusster, selbstständiger – nicht nur auf eine Phase bezogen, sondern ganz generell.» Elfriede Vonwil begrüsst das. Karl Vonwil erwähnt die Kriegsangst. Ihn habe ein latentes Ohnmachtsgefühl begleitet. «Dafür gibt es heute andere Herausforderungen. Zu meiner Zeit waren Arbeitskräfte gesucht. Jetzt ist der Arbeitsmarkt ein anderer. Und die Digitalisierung ist eine Chance, verlangt aber zugleich viel Selbstdisziplin.» Das bestätigen Inthuyan Jeyarasa und Silvan Bucher. Den eigenen Weg zu finden, beruflich und innerlich, sei herausfordernd. «Welchen Beruf wähle ich, wie wird meine Karriere aussehen? Das hat mich begleitet. Und jetzt, in meiner Lehre zum Fachmann Pflege, fühle ich mich angekommen», sagt Inthuyan Jeyarasa. Silvan Bucher steht vor einem Neuanfang: «Ich beginne im Sommer die Ausbildung zum Pflegefachmann. Dieses Ziel gibt mir Richtung und Halt.»
Wenn der Körper Grenzen setzt.
Akzeptanz und Lebensfreude, auch das gibt Halt, wenn das Leben sich ändert. «Wir waren immer vital, bis im September 2025», erzählen die Vonwils. Elfriede Vonwil macht ihre Osteoporose seit letztem Herbst vermehrt zu schaffen. Einzelne Wirbel sind brüchig und tragen nicht mehr. «Zuerst hat Karl mich daheim versorgt, dann musste ich ins Spital. Und von da in ein Ferienheim zur Erholung. Zu verkraften, dass der Körper in diesem Ausmass Grenzen setzte und ich einen Teil meiner Selbstständigkeit verloren hatte, war schwierig», erinnert sie sich. Als Elfriede Vonwil hätte entlassen werden können, erkrankte ihr Mann an einer Lungenentzündung. Sie blieb im Ferienbett. Er musste ins Krankenhaus. Kaum genesen, folgten bei ihm Nierenprobleme. Das Ehepaar suchte gemeinsam eine Lösung, traf eine Entscheidung: Am 15. Dezember 2025 zogen sie ins Viva Luzern Rosenberg. «Wir haben das Neue akzeptiert. Die Lebensfreude ist wieder da.»
Silvan Bucher und Inthuyan Jeyarasa hören aufmerksam zu. Auch sie kennen Momente, in denen der Körper Signale sendet – Unruhe, Stress, Erschöpfung. Gesundheit wird spürbar, wenn sie nicht mehr selbstverständlich ist. Bei den Vonwils durch Krankheit und Alter, bei den Jungen durch Überforderung. Doch alle vier eint etwas: der Wille, weiterzugehen.
Was sie Menschen in anderen Lebensphasen raten würden? «Es ist eine andere Zeit. Sie sollen ihren Weg selbst finden und ihn auch gehen. Und ein bisschen Glück braucht es im Leben», sagen die Vonwils. Silvan Bucher nimmt einen unausgesprochenen Rat für sich mit: «Wenn ich den beiden zuhöre, realisiere ich: Durchhaltevermögen zahlt sich aus. Und dass Herr Vonwil trotz seiner Kindheit so viel Humor besitzt und ohne Bitternis zurückblickt, beeindruckt mich.»
Ohne Gram zurückblicken, im Kleinen das Schöne finden: Diese Worte fallen mehrmals. Auch zum Abschluss dieses Gesprächs. Und dann macht sich das Ehepaar auf den Weg ins Restaurant. «Da werde ich ein Bier trinken. Der erste Schluck mit Schaumkrone gehört Elfriede. Das war schon immer so. Und das wird immer so sein», sagt Karl Vonwil.
Generationen im Gespräch
Karl und Elfriede Vonwil, Silvan Bucher und Inthuyan Jeyarasa sprechen über Lebensphasen, Übergänge und das, was durchs Leben trägt. Vier Menschen, die sich zum ersten Mal begegnen – und doch viel verbindet.
Karl Vonwil, 92-jährig, Bewohner Viva Luzern Rosenberg seit Dezember 2025. Sein Credo: «Was vorbei ist, ist vorbei. Warum soll ich mich grämen?»
Elfriede Vonwil, 90-jährig, Bewohnerin Viva Luzern Rosenberg. Mit Karl ist sie seit über 70 Jahren verheiratet. Ihr Rezept: Ruhe bewahren, wo andere aufbrausen.
Silvan Bucher, 33-jährig, Mitarbeitender in der Pflege. Er beginnt im Sommer die Ausbildung zum Pflegefachmann. Was er vom Ehepaar Vonwil lernt: «Durchhaltevermögen zahlt sich aus.»
Inthuyan Jeyarasa, 26-jährig, in der Lehre zum Fachmann Gesundheit. Er ist überzeugt: «Eine abgeschlossene Ausbildung ist die Basis für ein gutes Leben.»