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«Das Leben ist kein Projektplan.»

Was bedeutet es, älter zu werden? Verändern sich unsere Möglichkeiten – oder nur unser Blick darauf? Und braucht es ein ganzes Leben, um seinen Sinn zu verstehen? Philosoph Rayk Sprecher spricht über Lebensphasen, Reife, Versöhnung und die Kunst des Loslassens.

Lebensphasen sind eine Landkarte – nicht das Gelände
In der Entwicklungspsychologie wird das Leben oft als Abfolge von Phasen beschrieben – von der Kindheit bis ins hohe Alter. Jede Phase bringt dabei bestimmte Aufgaben und Fragen mit sich. «Das Phasenmodell ist hilfreich. Wie jedes Modell hat es aber seine Grenzen», sagt der Luzerner Philosoph Rayk Sprecher. Er zieht den Vergleich zu einer Landkarte: Diese gibt Orientierung, zeigt Wege, Abschnitte und Richtungen. Aber sie ist nicht das ganze Gelände selbst – sie zeigt nicht die Höhen und Tiefen, weder die Umwege noch das Wetter oder die Überraschungen unterwegs. In der Philosophie findet Sprecher deshalb einen anderen Zugang. «Aristoteles etwa fragt nicht, in welcher Lebensphase ein Mensch steht. Ihn interessiert, wie ein Leben gelingt, und das ist keine Frage des Alters.» (Siehe Abschnitt «Reife ist eine Haltung».) Entscheidend ist für ihn, ob sich Haltungen, Erfahrungen und Tugenden entfalten. Das Leben verläuft nicht einfach vorhersehbar von Stufe zu Stufe. Gerade in Zeiten, in denen etwas auseinanderbricht oder sich unerwartet verändert, wird sichtbar, wie wenig planbar es ist. «An solchen Brüchen sieht man sehr schön, dass das Leben zum Glück kein Projektplan ist.»

Brüche sind kein Abbruch
Bruchstellen gehören zum Leben. Übergänge, Abschiede und unerwartete Wendungen lassen sich nicht vermeiden. «Die Frage ist, wie wir diese Veränderungen deuten», sagt Rayk Sprecher. «Als Abbruch oder als Möglichkeit eines Neuanfangs?» Sprecher verweist auf die deutsch-amerikanische Historikerin und Philosophin Hannah Arendt. «Sie beschreibt Menschen als Wesen, die immer wieder anfangen können – im Handeln und im Verhalten zu sich selbst.» Ein Neuanfang muss derweil kein radikaler Umbruch sein. «Manchmal geht es auch um kleine Verschiebungen – Gewohnheiten zu ändern, Dinge neu zu bedenken oder Beziehungen zu intensivieren. Es geht darum, offen zu bleiben.» Und diese Offenheit sei nicht vom Alter abhängig (siehe Abschnitt «Reife ist eine Haltung»). Brüche sind somit nicht nur Unterbrechungen, sondern auch Momente der Einsicht. Sie zeigen, dass das Leben nicht vollständig planbar ist – aber gestaltbar bleibt.

Verlust oder Möglichkeitsklarheit
Altern wird oft mit Verlust verbunden. Körperliche Kräfte lassen nach, der Bewegungsradius wird kleiner. Trübe Aussichten also? «Es greift zu kurz, vom Älterwerden nur als Verlust zu sprechen», hält Rayk Sprecher dagegen. In jungen Jahren dominiere häufig die «Möglichkeitsfülle». «Alles scheint offen. Die Schwierigkeit besteht darin, auszuwählen.» Mit der Zeit verändert sich dieser Blick, erklärt Sprecher. «Irgendwann tritt eine Art Möglichkeitsklarheit ein. An die Stelle der Frage ‹Was könnte ich alles?› tritt zunehmend die Frage ‹Was ist mir wichtig?›.»

Diese Verschiebung hängt mit unserer Endlichkeit zusammen. «Gerade weil unsere Lebenszeit begrenzt ist, müssen wir immer wieder Entscheidungen treffen.» Wenn alles jederzeit möglich wäre, wäre nichts wirklich wichtig. Erst die Begrenzung macht demnach etwas bedeutsam. Möglichkeiten verschwinden nicht einfach – sie verändern ihre Form. «In allen Lebensphasen habe ich immer – in jedem Moment – die Möglichkeit, mich neu zu erfinden.»

Lernen ist nicht einfach Wissen hinzufügen
Auch im Alter bleibt die Fähigkeit, zu lernen. Doch Lernen bedeutet mehr als Wissen anhäufen. «Erfahrung ist nicht Wissen hinzufügen, sondern Wissen durchleben.» Erfahrung verändert den Blick. Wer viel erlebt hat, reagiert anders auf Krisen, Konflikte oder Veränderungen. Mit der Zeit lerne man zu unterscheiden: Was ist wirklich wichtig? Was vergeht? Worauf lohnt es sich zu reagieren – und worauf nicht? «Erfahrung bedeutet nicht, alles schon erlebt zu haben. Sie bedeutet, Situationen einordnen zu können, gelassener zu werden und weniger vorschnell zu urteilen.»

Erfahrung verändert auch den Umgang mit anderen Menschen, sagt Rayk Sprecher. Sie schaffe Aufmerksamkeit – für Zwischentöne, für Grenzen, für Beziehungen. Genau dort setzt auch die Frage an, woran sich ein gelungenes Leben misst (siehe Abschnitt «Sinn ist keine grosse Erzählung»).

Sinn ist keine grosse Erzählung
Die Frage nach dem Sinn gehört zu den ältesten philosophischen Fragen. Für Rayk Sprecher ist sie berechtigt – werde aber oft falsch gestellt. «Anstatt nach dem Sinn des Lebens zu suchen, finde ich es hilfreicher, den Sinn im Leben zu entdecken.»

Wer nach einem übergeordneten Sinn sucht, erwartet häufig auch eine grosse, in sich stimmige Gesamtgeschichte. Dieses Bild hält Sprecher für überfordernd. Das Leben müsse keine geschlossene Erzählung mit klarer Dramaturgie und Happy End sein.

«Ich finde das Bild von Kurzgeschichten schöner. Wenn sich darin Verbindungen zeigen und eine Entwicklung erkennbar wird, ist das genug.» Sinn entstehe letztlich nicht in einer abstrakten Idee, sondern im gelebten Miteinander – etwa darin, füreinander da zu sein, Verantwortung zu übernehmen und Beziehungen zu pflegen.

Reife ist eine Haltung
Braucht es die Reife des Alters, um den Sinn im Leben zu erkennen (siehe Abschnitt «Sinn ist keine grosse Erzählung»)? «Nein», sagt Rayk Sprecher. «Reife hat kein Alter. Junge Menschen können sehr reif sein und alte durchaus unreif.» Reife sei eine Haltung – die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten und nicht alles sofort erklären oder bewerten zu müssen.

Zu dieser Haltung gehört auch Versöhnung. «Versöhnung heisst, aufzuhören, mit der Vergangenheit zu verhandeln.» Das bedeutet nicht, alles gutzuheissen. Aber wer immer wieder neu abwäge, was anders hätte laufen sollen, bleibe in der Vergangenheit hängen. «Versöhnung heisst, das eigene Leben anzuerkennen – mit Brüchen, offenen Fragen und Unvollkommenheiten (siehe Abschnitt «Brüche sind kein Abbruch»).

Loslassen ist dabei keine Schwäche. «Loslassen heisst nicht, sich mit weniger zufriedenzugeben, sondern mit dem Richtigen.» Mit der Zeit verändere sich der Blick auf das Wesentliche (siehe Abschnitt «Verlust oder Möglichkeitsklarheit?»). Reife bedeute daher, unterscheiden zu können, was im eigenen Leben wesentlich ist – und was man gehen lassen kann.

Zur Person

Rayk Sprecher (1975) studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Französisch in Chemnitz und Freiburg im Breisgau. Von 2003 bis 2023 war er an der Universität Luzern tätig, zuletzt als Fakultätsmanager der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

Seit 2006 tritt er regelmässig als öffentlicher Philosoph in Vorträgen, Moderationen und Weiterbildungen auf. 2016 gründete er das Beratungsunternehmen «kriteria», das philosophisches Denken mit Coaching und Organisationsberatung verbindet.