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Generationen: Lebensphasen – jede Zeit hat ihre Aufgaben

Lebensphasen bedeuten Wandel: Verantwortung übernehmen, mit körperlichen Veränderungen umgehen, Sinn finden. Eine 32-jährige Mitarbeiterin und eine 82-jährige Mieterin sprechen über ihre Erfahrungen.

In welcher Lebensphase stecken Sie und was beschäftigt Sie darin?
Hildegard Rogenmoser: Als Kind war ich überzeugt, dass ich mit 86 sterben werde. Jetzt bin ich 82 und finde, es wäre schade. Ich habe noch so viel vor. Zweimal wöchentlich gehe ich schwimmen, halte mich fit. Ich geniesse Theateraufführungen, finde Genuss im Kochen und in guter Gesellschaft. Ich liebe mein Leben, und selbst wenn der Körper mal zwickt, geht es mir gut. Es könnte auch schlimmer sein, sage ich mir dann jeweils.

Vanessa Zihlmann: Vor einem Jahr bin ich Mami geworden. Ich habe Zeit gebraucht, um in dieser Rolle anzukommen. Die Prioritäten haben sich verschoben und die Frage, wie ich alles geregelt bekomme – also Job, Familie und meine Bedürfnisse –, treibt mich um. Ich weiss, dass mein Sohn super betreut ist, wenn ich arbeite. Trotzdem schwingt dann immer leise mit, ob es ihm wohl gut geht. Alles in allem: Ich bin dankbar, dass ich flexibel arbeiten kann und Unterstützung habe.

Hildegard hört aufmerksam zu, nickt und erzählt, diese Unterstützung habe sie als junge Mutter nicht gehabt. Die Eltern in Deutschland. Sie selbst führte mit ihrem Mann ein Restaurant. «Die Kinder liefen einfach mit. Erst als sie älter waren, nahm ich sie hin und wieder mit ins Restaurant, damit sie helfen konnten.» Sie ist dreifache Mutter, Grossmutter, Urgrossmutter. «Ich habe das alles genossen, wirklich alles.»

Frau Rogenmoser, welche Lebensphasen waren besonders schön – und welche besonders anspruchsvoll?
Hildegard Rogenmoser: Ach, da war so viel Schönes – das Muttersein, die Zeit als Wirtin. Später die Liebe zu meinem zweiten Lebenspartner, die Reisen mit dem Wohnmobil, mit den Enkelkindern auf dem Campingplatz. Anspruchsvoll war wohl meine Kindheit. Wir wurden ausgebombt, mein Vater war im Krieg.

Und dann lauschen wir im Zeitraffer den Stationen ihrer Kindheit und Jugend. Sie berichtet von Brandwunden an den Füssen, vom Aufwachsen im Krieg, von Vaterhänden, die Kleider flickten. Vom Wunsch, Feinmechanikerin zu werden – was finanziell nicht möglich gewesen sei. Deshalb habe sie Kindergärtnerin gelernt. Ihre Stimme bleibt dabei leicht, fast heiter. Selbst wenn sie von Schwierigem spricht, betont sie das Schöne: die Ausflüge mit den Eltern in den Wald, die Welt, die sich öffnete. Nach der Ausbildung machte sie mit ihnen einen Ausflug in die Schweiz. «Und da wusste ich: Hier möchte ich leben.» Sie lacht. «Wie so oft hatte ich Glück und fand rasch eine gute Anstellung.»

Vanessa Zihlmann: Wenn ich Frau Rogenmosers Geschichten lausche, beeindruckt mich ihre Lebensfreude umso mehr. Ich selbst durfte behütet aufwachsen, hatte so viele schöne Momente – Kindheit, Jugend, die Beziehung zu meinem Mann. Und natürlich die Geburt meines Sohnes. Doch in der zwölften Schwangerschaftswoche teilte man uns mit: Sein Oberschenkel würde verkürzt sein. Zunächst war nicht einmal klar, ob er das Bein würde bewegen können – ob gar eine schwerwiegende Behinderung vorlag. Die Wochen danach waren unglaublich emotional. Können wir das tragen? Wir konnten … denn er war ein Wunschkind. Und heute ist er ein fröhliches Kind mit Orthoprothese.

Schwangerschaft, Geburt – Frauenkörper verändern sich ein Leben lang. Wie haben Sie das erlebt?
Vanessa Zihlmann: In meiner Jugend war ich mit meinem Aussehen beschäftigt, wollte schlanker sein. Heute bin ich meinem Körper einfach dankbar. Er hat zwei grosse Operationen mitgemacht, ist wieder geheilt und mein Sohn ist in meinem Bauch gediehen. Die ersten drei Monate meiner Schwangerschaft musste ich mich zwar viel übergeben. Aber auch das haben wir geschafft.

Hildegard Rogenmoser: Meine drei Schwangerschaften waren leicht für mich. Ich habe mich vorwiegend von Zitronen, Gurken und Radieschen ernährt. Und ich hätte zwei Kinder gleichzeitig stillen können. Es ist schon verrückt, was die Hormone mit einem machen. In den Wechseljahren war ich oft schweissgebadet. Meine Ärztin gab mir Tabletten. Ich las den Beipackzettel – und entschied: Ich schwitze lieber weiter. Und jetzt bin ich einfach dankbar dafür, dass ich noch so vital bin.

Frau Rogenmoser, Dankbarkeit schwingt durch jedes Ihrer Worte. Und doch: Der Körper verändert sich. Das Leben sowieso. Gab es Momente, in denen alles anders kam als geplant?
Hildegard Rogenmoser: Als ich pensioniert wurde, wollten mein Partner und ich mit dem Wohnmobil reisen. Ich trat aus dem Chor aus, wir schmiedeten Pläne. Dann hatte er einen Schlaganfall. Das gemeinsame Reisen fiel weg. Stattdessen war er pflegebedürftig. Das war anders als gedacht. Aber so ist das Leben. Wer weiss, wozu es gut war? Vielleicht hätten wir irgendwo einen Unfall gehabt. Ich habe gelernt: Man kann Pläne machen. Aber man muss auch loslassen können.

Vanessa Zihlmann: Loslassen können, ein gutes Stichwort. Auch ich habe Bilder im Kopf gehabt von Schwangerschaft und Muttersein. Dann kam die Diagnose «verkürzter Oberschenkel» in der zwölften Woche. Plötzlich Fragen, die man nie stellen wollte. Und auch nach der Geburt meines Sohnes ist nicht alles Zauber gewesen. Man sieht so viele perfekte Instagram-Mutter-Bilder – und merkt dann, wie sehr das unter Druck setzt. Ich habe lernen müssen: Es darf anders sein. Und es hat absolut nichts damit zu tun, wie gross meine Liebe zu meinem Sohn ist.

«Ich bin sehr gern Mami – und ich arbeite auch sehr gern.»
Vanessa Zihlmann, geriatrische Pflegeexpertin, Viva Luzern Eichhof.

Wenn Sie das Leben junger Frauen heute anschauen – was ist anders als in Ihrer Zeit?
Hildegard Rogenmoser: Ich sehe viele Möglichkeiten und gleichzeitig auch Herausforderungen. Als ich meine Kinder bekam, gab es zum Beispiel weder Ultraschall noch andere medizinische Abklärungen. Und Verhütung war kein Thema. Heute können junge Frauen wählen – Zeitpunkt von Familie und berufliche Wege. Das ist ein Geschenk. Aber wenn alles möglich ist, muss man auch alles selbst entscheiden. Und dann möchte man alles gut machen. Das kann überfordern. Ich meine: Jede Zeit hat ihre Aufgaben und ihren Sinn.

Was gibt Ihrem Leben Sinn? Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?
Vanessa Zihlmann: Seit ich Mutter bin, hat sich der Sinn verschoben. Verantwortung zu tragen, meinem Sohn Sicherheit zu geben – das ist sehr konkret. Gleichzeitig gibt mir der Glaube an etwas Universelles Halt. Ich glaube grundsätzlich: Es chonnt scho guet.

Hildegard Rogenmoser: Sinn gab in manchen Momenten das Wissen: Schönes geht vorbei, Schwieriges auch. Und ich habe einen Draht nach oben, zu meinen Schutzengeln, zum Universum. Das war mir nicht immer bewusst. Aber wenn ich an Momente denke, die auch anders hätten ausgehen können, wird es offensichtlich: Ich war oft beschützt und behütet.

Lebensphasen nach Erik H. Erikson

Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson (1902–1994) beschrieb das Leben als Abfolge von acht Entwicklungsphasen. Jede Phase ist mit einer zentralen psychosozialen Aufgabe verbunden. Im höheren Alter steht die Frage nach Integrität im Zentrum. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Konzept der Lebensphasen nach Erik H. Erikson finden Sie ab Seite 14 in der Frühlingsausgabe 2026 unseres viva! Magazins.