
«Heute begegne ich meinen Träumen gelassener.»
Der 90-jährige Ian Kienz lebt seit Sommer 2025 im Alterszentrum Dreilinden. Im Gespräch erzählt er, wie sich seine Träume im Lauf des Lebens verändert haben, warum sie für ihn ein «Tor zur Seele» sind – und weshalb Gelassenheit sein schönster Traum geworden ist.
Ian Kienz blickt auf ein langes Leben zurück – und auf unzählige Träume. Einige davon sind ihm so präsent, als hätte er sie gestern Nacht erlebt. Schon als Bub habe er viel Fantasie gehabt und «mit offenen Augen geträumt», wie er beim Gespräch in seinem Zimmer im Viva Luzern Dreilinden erzählt. Mehr als einmal habe ihn sein Lehrer ermahnt, er solle endlich «aufhören zu träumen», weil er statt dem Unterricht lieber den Vögeln draussen auf dem Apfelbaum zusah. Besonders die Träume vom Fliegen und Schweben sind ihm bis heute in Erinnerung geblieben. Sie hätten ihm das Gefühl völliger Freiheit gegeben, sagt Ian Kienz, der im Engadin aufgewachsen ist und neben der deutschen auch die rätoromanische Sprache beherrscht. Am Morgen habe er sich oft noch an seinen nächtlichen Erlebnissen erfreut. Diese Leichtigkeit stand im Kontrast zu anderen, bedrückenderen Traumbildern – etwa jenem, in dem er mit einem Wasserschlauch ein Feuer löschen wollte, der Strahl aber nie bis zur Flamme reichte.
Vom Fliegen, Fallen und Loslassen.
Im Laufe der Jahrzehnte änderte sich seine Traumwelt. In seiner Jugend seien die Träume farbenfroh und leicht gewesen, erzählt Ian Kienz. «Später spiegelten sie Verantwortung, Belastung und familiäre Pflichten.» Nach dem frühen Tod seiner Frau zog Ian Kienz seine beiden Töchter alleine gross – eine Zeit, die ihn forderte, aber auch prägte. Er erinnert sich an Nächte, in denen die Gedanken kreisten und sich Träume wiederholten. Heute, im hohen Alter, träume er seltener. «In meiner Kindheit waren die Träume wie kleine Abenteuer. Nun nehme ich sie gelassener – sie begleiten mich nicht mehr in den Alltag.» Die Fähigkeit, loszulassen, sei gewachsen. Und doch erinnert er sich an einen Traum während der Zeit, als er sein Haus in Scuol verkaufte, um in Luzern zu wohnen. Diese Entscheidung beschäftigte Ian Kienz emotional sehr – was sich auch in seinen Träumen widerspiegelte. «Ich sprach häufig laut im Schlaf. Das zeigt wohl, wie sehr Träume mit unseren innersten Gefühlen verbunden sind.»
Träume als Spiegel der Seele
Träume haben für den 90-Jährigen keine steuernde, aber eine ordnende Funktion. «Sie sind Ausdruck dessen, was im Innern weiterarbeitet, auch wenn der Verstand ruht.» Speziell gedeutet hat Ian Kienz seine Träume indes nie. «Träume sind schlicht Teil des Lebens, geheimnisvoll und zugleich selbstverständlich. Träume sind das Fenster zu Gefühlen und Erinnerungen, ein Tor zur Seele.» Im Laufe der Jahre kamen neue Themen hinzu – Träume, die ihn an Zweifel, Vergänglichkeit und Abschied erinnerten. Manchmal tauchten darin Existenzängste, Friedhöfe oder Begräbnisse auf. Für ihn sind sie kein Grund zur Beunruhigung, sondern Ausdruck der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. «Solche Träume führen mich zu Gedanken über das, was war – und über die Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet haben», sagt er. Auch Träume mit sinnlicher Note gehörten zum Leben, findet Ian Kienz. «Sie zeigen, dass Lebensfreude, Nähe und Zuneigung keine Frage des Alters sind. Solche Träume erinnern daran, dass man sich auch im hohen Alter noch lebendig fühlen kann.»
Ein neuer Lebensabschnitt
Seit Juni 2025 lebt Ian Kienz im Alterszentrum Dreilinden. Seine Partnerin lebt im Viva Luzern Wesemlin; die beiden besuchen sich mehrmals pro Woche. Der Umzug von seiner Wohnung in Luzern ins Alterszentrum markierte für ihn den Beginn eines neuen Kapitels. «Es ist für mich ein neuer Lebensabschnitt – und ich bin sehr froh und dankbar, dass mir diese Möglichkeit für ein Alter in Würde geboten wurde. Hier im Dreilinden wird alles getan, damit sich die Bewohnerinnen und Bewohner aufgehoben und wohlfühlen.» Gleichzeitig sei ihm bewusst, dass diese Wohnform ihren Preis habe. «Diese Möglichkeit ist mit hohen Kosten verbunden. Mit Sorge muss man zusehen, wie das mühsam Ersparte dahinschmilzt – wie Butter an der Sonne.» Trotzdem überwiege die Dankbarkeit. Im August feierte Ian Kienz im Dreilinden seinen 90. Geburtstag – «einer der dankbarsten und schönsten Geburtstage meines Lebens». In seinem Zimmer hängen Fotos seiner Familie und der Familie seiner Partnerin – mit ihren gemeinsamen Enkelkindern. Neben dem Bett steht eine kleine Graubünden-Flagge, und der alte Holzschrank aus seinem Elternhaus im Unterengadin erinnert ihn an seine Wurzeln. «In Luzern bin ich zu Hause. Besonders freut mich die Aufnahme als Stadtbürger im Jahr 2019. Vom Balkon im Dreilinden geniesse ich den grossartigen Rundblick über den Vierwaldstättersee, die Stadt und den Pilatus, die friedvolle Weite der Bergwelt sowie die Stille des Sees. Mein Kraftort – fast wie ein Traum.»
Auch der Schlaf habe sich verändert, seit er im Alterszentrum lebt. Er schlafe leichter und wache häufiger auf, die Träume seien weniger intensiv geworden. «Die für mich völlig neue Alltagskultur hat auch meine Träume beeinflusst. Trotzdem begleiten mich noch ab und zu Traumerlebnisse, die ich inzwischen gelassen annehme.» Spirituelle oder übernatürliche Deutungen lehnt Ian Kienz ab. Für solche Theorien fehle ihm der Glaube. Dennoch können Träume für ihn Brücken schlagen – nicht in andere Sphären, sondern in die eigene Vergangenheit. Sie rufen Gefühle aus früheren Lebensphasen wach, erinnern an Kindheit, Familie, Beruf, Pflichten oder wichtige Entscheidungen. «In diesem Sinn sind Träume ein Tor zur eigenen Geschichte. Sie lassen Vergangenes lebendig werden und schaffen Nähe, Fürsorge und Dankbarkeit.»
Der schönste Traum ist das Jetzt
Grosse Lebensträume verfolgt Ian Kienz derweil nicht mehr. Heute konzentriert er sich auf das Wesentliche. «Mit 90 Jahren wünsche ich mir keine grossen Lebensträume mehr. Ich lebe im Hier und Jetzt, und wenn es mir gelingt, weiterhin Würde, Eigenständigkeit, Dankbarkeit und Gelassenheit zu bewahren, dann ist das mein schönster ‹Wachtraum›.» Dieser Traum, sagt Ian Kienz, sei erfüllbarer als alle früheren: Er liege nicht in fernen Zielen, sondern in der inneren Haltung, die das Leben im Alter trägt. Diese Gelassenheit, gepaart mit einer positiven Lebenseinstellung und einer guten Portion Humor, prägt seinen Alltag im Dreilinden.