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Leben im hohen Alter: «Eine Lebensphase mit Tiefe und Würde.»

Hochaltrigkeit ist eine Lebensphase, in der Erfahrung, Gelassenheit und Natürlichkeit an Bedeutung gewinnen. Maria Thalmann, Betriebsleiterin von Viva Luzern Dreilinden, gibt Einblick, wie diese Stärken im Alltag sichtbar werden – manchmal auch dort, wo man sie nicht erwartet.

Frau Thalmann, wie würden Sie die Lebensphase beschreiben, in der sich die Bewohnenden von Viva Luzern Dreilinden befinden?
Hochaltrigkeit ist eine Lebensphase, die sich sehr unterschiedlich zeigt. Sie ist geprägt von einem reichen Erfahrungsschatz, von individuellen Lebensgeschichten und von dem, was Menschen über viele Jahre hinweg getragen hat. Was viele verbindet, ist der Wunsch nach Selbstbestimmung und danach, dass Vertrautes auch im hohen Alter noch Platz hat. Die eigenen Biografien spielen dabei eine grosse Rolle.

Wie prägen diese Lebensgeschichten den Alltag?
Sie sind immer präsent und beeinflussen, wie Menschen agieren, sich begegnen, was ihnen wichtig ist und wie sie ihren Tag erleben. Sie erzählen aus ihrem Leben, teilen Erlebnisse und schauen gemeinsam zurück. Viele sagen, sie hätten ein gutes Leben gehabt und dass es jetzt gut sei, wie es ist. Diese Ruhe, diese Gelassenheit und Zufriedenheit zu erleben, berührt mich immer wieder.

Wie zeigt sich diese innere Ruhe ganz konkret im Alltag?
Beispielsweise darin, dass Menschen ihren Tag bewusster und in ihrem eigenen Tempo gestalten. Der Alltag im Dreilinden gibt Orientierung, lässt aber Spielraum. Bewohnende pflegen ihre Rituale, ziehen sich zurück oder suchen Gemeinschaft und wissen, dass Unterstützung da ist, wenn sie gebraucht wird. Der Alltag passt sich den Menschen an, nicht umgekehrt. Und natürlich spielen auch zwischenmenschliche Beziehungen dabei eine wichtige Rolle.

Inwiefern?
Neue Kontakte entstehen bei uns oft ganz beiläufig, etwa beim gemeinsamen Essen, bei Aktivitäten oder in kurzen Begegnungen im Alltag. Für viele Bewohnende, die zuvor auf sich allein gestellt waren, ist das eine wichtige und wertvolle Erfahrung. Gleichzeitig bleibt Raum für Rückzug. Besuch ist jederzeit möglich, und einige gehen allein oder mit Angehörigen in die Stadt. Diese Mischung aus Gemeinschaft und Privatheit gibt Sicherheit und prägt das Leben im Haus. Übrigens, auch Humor spielt eine sehr wichtige Rolle im Alltag.

Wo beobachten Sie solche heiteren Momente?
Es gibt viele Gelegenheiten, um gemeinsam zu lachen und nicht immer alles nur ernst zu nehmen! Etwa beim gemeinschaftlichen Singen, beim Spielen oder auch an Festen wie der Fasnacht oder Chilbi, wo hier immer eine besondere Stimmung entsteht. Es wird gelacht, manchmal auch getanzt, selbst dann, wenn körperliche Grenzen da sind. Diese Momente zeigen, wie viel Lebensfreude und Vitalität im Alltag Platz hat.

Auch Begegnungen zwischen den Generationen sind Teil des Lebens im Dreilinden.
Ja, diese Begegnungen sind sehr wertvoll. Immer wenn Schulklassen der nahe gelegenen Montessori-Schule zu Besuch kommen, entsteht ein besonderer Austausch. Bewohnende erzählen aus ihrem Leben, Kinder hören aufmerksam zu und stellen Fragen. Das bringt jedes Mal frischen Wind ins Haus und zeigt, wie wertvoll der Erfahrungsschatz hochaltriger Menschen bei diesen gemeinsamen Aktivitäten ist. Diese Momente sind für beide Seiten bereichernd.

Das heisst, man kann auch von den Jungen noch was lernen?
Natürlich! Viele Bewohnende sind neugierig und offen für Neues. Sie setzen sich mit technischen Fragen auseinander, etwa beim Umgang mit Smartphones oder Tablets, und nehmen ebenso an kreativen Angeboten teil und besuchen Bildervorträge und Vorlesungen. Lernen geschieht hier nicht mehr aus Leistungsdruck, sondern aus echtem Interesse.

Diese Offenheit für Neues hängt auch mit Selbstbestimmung zusammen.
Genau. Viele Menschen möchten so lange wie möglich selbst entscheiden, was sie tun und wie sie ihren Tag gestalten. Dabei geht es oft um ganz Alltägliches: Wie möchte ich mein Zimmer einrichten? Wann stehe ich auf? Wobei wünsche ich mir Unterstützung und wobei nicht? Entscheidend ist der Dialog. Wünsche werden ernst genommen, und wenn etwas nicht möglich ist, wird das erklärt. So entsteht Vertrauen – und das Gefühl, gehört und respektiert zu werden.

Worauf kommt es im täglichen Miteinander besonders an?
Respekt ist sehr wichtig. Oft sind es kleine Dinge, die den Unterschied machen. Es macht beispielsweise viel aus, wie man jemandem begegnet, ob man sich Zeit nimmt und wirklich präsent ist. Einige bewusste Minuten können viel mehr bewirken als ein geschäftiges Kommen und Gehen.

Was ist für Mitarbeitende in dieser Arbeit besonders wichtig?
Es braucht Geduld, Ruhe und Empathie, aber auch Erfahrung und Gespür. Verbindlichkeit spielt eine wichtige Rolle. Wenn jemand sagt, dass er wiederkommt, dann sollte das auch so sein. Fachwissen ist ebenfalls wichtig, aber niemand arbeitet allein. Der Austausch im interprofessionellen Team gehört zum Alltag. Situationen werden gemeinsam besprochen und reflektiert, besonders dann, wenn es um Krankheit, Konflikte oder Abschied geht.

Was erhält man dafür zurück?
Es sind die Beziehungen zu den Bewohnenden. Ein Dank, ein Lächeln, ein Händedruck. Zu erleben, dass Vertrauen entsteht oder dass sich jemand sicher fühlt. Auch gemeinsame Rituale, Feste und das bewusste Abschiednehmen gehören dazu. Vieles davon lässt sich nicht in einem Rapport festhalten oder in Zahlen messen, zeigt sich aber im Alltag sehr deutlich. Gerade diese Nähe macht die Arbeit für viele sinnstiftend.

Zum Schluss: Wie sollte künftig über das hohe Alter gesprochen werden?
Wir sollten den Blick stärker auf die Stärken des Alters richten. Hochaltrigkeit bringt viel Erfahrung und Wissen mit sich, oft auch eine grosse Gelassenheit. Viele Menschen müssen nichts mehr beweisen und dürfen so sein, wie sie sind. Diese Authentizität und Ruhe sind Qualitäten, die in unserer Gesellschaft mehr Beachtung verdienen. Hochaltrigkeit ist eine Lebensphase mit enorm viel Tiefe und Würde.