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Märchen sind mehr als Gutenachtgeschichten. Zu guter Letzt ein Funke Hoffnung

Seit Jahrzehnten erzählt Jolanda Steiner Märchen, die innere Bilder wecken und verbinden – Geschichten, die gerade im Alter besonders berühren.

Jolanda Steiner ist die bekannteste Märchenerzählerin der Schweiz. Seit über vier Jahrzehnten erweckt die Luzernerin mit Stimme, Mimik und Fantasie ganze Welten zum Leben. Die ehemalige Kindergärtnerin erzählt klassisch oder kombiniert ihre Geschichten mit Musik, Gesang und Zauber. Ihre Programme begeistern Kinder und Erwachsene gleichermassen – ob im Radio oder im Konzertsaal. Von Oktober 2025 bis März 2026 konnten die Bewohnenden der Alterszentren Viva Luzern ihren magischen Geschichten lauschen.

Frau Steiner, was sind Märchen?
Märchen ist nicht gleich Märchen: Dichter- und Kunstmärchen sind erfundene Geschichten, während Volksmärchen aus mündlichen Überlieferungen stammen und oft jahrhundertealt sind. Also uralte Geschichten, die über Generationen weitererzählt wurden. Sie haben keinen festen Ort und keine bestimmte Zeit – «Es war einmal…» öffnet den Raum für eigene Bilder. Tiere sprechen mit Menschen, Zauberer und Feen tauchen auf, das Magische gehört ganz selbstverständlich dazu. Die Geschichten sind ohne Ausschmückungen erzählt. Und gerade das lässt viel Platz für Fantasie. Ihre Symbolkraft – etwa der dunkle Wald oder die Nacht als Ort der Wandlung – spricht Menschen an.

Wann haben Sie Ihre Faszination für Märchen entdeckt, und was macht diese aus? Märchen begleiteten mich schon früh. Am meisten liebte ich die Geschichten, in denen die Schwachen am Ende siegen. Schon als Kind erdachte ich eigene Märchen und erzählte sie weiter. Als Kindergärtnerin entdeckte ich, wie ich mit meiner Stimme Räume öffnen kann. Ein Rollenwechsel, die Stimmlage verändern, und die Kinder waren ganz da. Die Schlichtheit der Märchen öffnet Tür und Tor für Sprache, Spiel, Fantasie. Die Faszination ist seit über 40 Jahren in mir. Seit Jahrzehnten erzählt Jolanda Steiner Märchen, die innere Bilder wecken und verbinden – Geschichten, die gerade im Alter besonders berühren. Märli. 28 Märchen sind mehr als Gutenachtgeschichten. Sie wächst jedes Mal, wenn eine Geschichte auf offene Ohren trifft.

Warum eignen sich Märchen auch für ältere Menschen?
Die Handlungen von Märchen sind schlicht, ohne überflüssigen Zierrat – und gerade das macht sie für ältere Menschen so zugänglich. Wer viel erlebt hat, braucht keine langen Erklärungen. Ein einziges Bild genügt, um Erinnerungen wachzurufen. Das nehme ich manchmal in feinen Reaktionen wahr: Ein Lächeln, ein leises Aufhorchen. Etwas im Innern beginnt zu klingeln

Welche Themen in Märchen berühren besonders im Alter?
Im Alter berühren vor allem Themen, die das Leben in seiner ganzen Spannweite zeigen: Leid, Unsicherheit und Abschied, aber ebenso Mut, Hoffnung, Liebe, Gerechtigkeit und Glück. Märchen beschönigen nichts – das Negative hat seinen Platz. Doch sie zeigen immer Wege auf, Lösungen, Wandlungen. Alte, weise Figuren verkörpern Erfahrung und innere Stärke. Besitz oder Macht spielen am Ende keine Rolle; entscheidend sind Güte und Grosszügigkeit. Wer viel erlebt hat, erkennt in diesen Geschichten Sinnmuster wieder, findet Parallelen zum eigenen Leben. Das schenkt Trost und Zuversicht. Märchen enden nie im Dunkeln – immer bleibt ein Funke Hoffnung.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Märchen für einen Anlass aus?
Am Anfang steht das Publikum. Wer sitzt vor mir, welche Leben stecken in diesen Gesichtern? Für die Auftritte in den Häusern von Viva Luzern suche ich Geschichten, die Vertrautes wecken und zugleich neue Türen öffnen. Ich arbeite mit Musizierenden oder Zaubernden zusammen. Ich möchte Staunen auslösen, Genuss schenken und zugleich etwas vermitteln. Und ich wähle Geschichten mit Humor und einem guten Ende. Humor ist eine feine und gleichzeitig starke Brücke.

Unterscheiden sich Märchenstunden für Kinder von jenen für ältere Menschen?
Ja, vor allem in der Atmosphäre. Für Kinder kreiere ich ganze Welten mit meinen Requisiten. Und zum Schluss tanzen wir oft gemeinsam im Kreis, bevor sie zurück in ihren Alltag stürmen. In Alterszentren ist alles ruhiger, konzentrierter. Die Geschichten stehen im Mittelpunkt. Am Ende verschenke ich ein kleines Zeichen – einen Schneestern, einen Leuchtstein, etwas aus meiner Schatzkiste. Diese Geste hat Gewicht: Sie verankert das Erlebte. Was Kinder und Ältere verbindet, ist ihr feines Gespür. Man kann sie nicht täuschen. Sie spüren, ob man ihnen wirklich zugewandt ist. Diese Echtheit ist das Fundament jeder Märchenstunde.

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Märchen als Brücke zu Erinnerungen

Märchen haben für ältere Menschen eine besondere Kraft. «Sie sind ein wunderbarer Schlüssel, um Türen zu öffnen», sagt Irma Zimmermann, Aktivierungsfachperson HF im Viva Luzern Rosenberg. Bekannte Geschichten rufen Erinnerungen wach – an die eigene Kindheit oder die Gutenachtgeschichte für die eigenen Kinder. «Märchen schaffen Vertrauen und Nähe. Ich hole Menschen da ab, wo sie gerade stehen.»

Irma Zimmermann arbeitet mit einem Geschichtenkoffer und ergänzt ihre Erzählungen mit Bildern, Gegenständen, Ausmalvorlagen und Rätseln. Daraus entstehen vielfältige Aktivierungen: gemeinsames Erzählen, Gedächtnistraining, Gesprächsrunden. Die wöchentlichen Märchenstunden folgen einem festen Ritual. Musik stimmt die Gruppe ein, dann wird die Geschichte langsam und deutlich vorgelesen. Den Schlusspunkt setzen Musik und geteilte Erinnerungen.

Die Wirkung ist deutlich spürbar. «Viele werden ruhiger, ausgeglichener. Schmerzen und Sorgen treten für eine Weile in den Hintergrund», beobachtet Irma Zimmermann. Die Geschichten regen Sprache und Fantasie an, fördern Konzentration und bringen längst vergessene Wörter zurück. Kurze, klare Geschichten eignen sich am besten. «Es ist schön, zu sehen, wie Menschen mit Demenz und kognitiv fitte Bewohnende gemeinsam lachen und erzählen.» In den Märchenstunden entsteht eine Gemeinschaft, es verbinden sich Lebenswelten. «Märchen schenken Trost, Freude und Geborgenheit», sagt Zimmermann. «Sie sind kleine Inseln im Alltag.»


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