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«Man darf trauern – und dankbar sein.»

Mit dem Alter verändert sich nicht nur der Körper. Auch der Blick auf das Leben wird ein anderer. Die Psychologin Daniella Nosetti-Bürgi spricht über Kontrollverlust, Vertrauen – und die Kunst, Trauer und Dankbarkeit nebeneinander stehen zu lassen.

Es ist eine schlichte Wahrheit – und doch eine, die im Alter eine neue Bedeutung bekommt: Leben bedeutet Veränderung. «Es geht gar nicht anders», sagt Psychologin Daniella Nosetti-Bürgi. «Am Morgen wird es hell, am Abend dunkel. Veränderungen gehören zur Natur unseres Lebens.»

In jeder Lebensphase beginnt etwas Neues, endet etwas Altes. Wir ziehen um, wechseln den Beruf, werden Eltern, lassen los, fangen an. Doch im Alter fühlen sich Veränderungen oft anders an. Die Kräfte lassen nach. Die Gesundheit wird fragiler. Gewohnte Wege werden zu weit. Und vielleicht steht irgendwann auch der Umzug in ein Alterszentrum bevor.

Kratzer im Selbstwert
Daniella Nosetti-Bürgi beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den psychologischen Herausforderungen des Alterns. «Im Alter erleben wir Veränderungen existenzieller», sagt die dreifache Mutter und Grossmutter von zwei Enkelkindern. «Wenn die Sehkraft nachlässt, das Gehör schwächer wird, die Beine uns nicht mehr kilometerweit tragen, wenn die Haut faltiger wird und die Haare silbern, dann kündigt sich etwas an: Der Horizont kommt näher. Die Endlichkeit wird sichtbarer.»

Was viele dabei besonders trifft, ist nicht nur die Veränderung selbst – sondern das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. «In unserer Kultur haben Autonomie und Selbstbestimmung einen extrem hohen Stellenwert», sagt Daniella Nosetti-Bürgi. «Wenn wir erleben, dass wir durch eigenes Handeln unser Leben gestalten können, fühlen wir uns gut. Das nennt man Selbstwirksamkeit.» Wer nicht mehr alles allein kann, spürt das manchmal als Kratzer im Selbstwert. Deshalb fällt es uns oft schwer, Hilfe anzunehmen. «Wer nicht mehr sicher gehen kann, geht mit einem Rollator. Hauptsache, ich bin weiterhin alleine, eigenständig, ohne Hilfe unterwegs», sagt Daniella Nosetti-Bürgi. «In anderen Kulturen gehen alte Leute am Arm von Familienmitgliedern oder Freunden.»

Chance zum Lernen
So schmerzhaft ein Umzug oder das Abgeben von Aufgaben sein kann: Viele Menschen erleben dadurch später auch Entlastung. Plötzlich muss man nicht mehr jeden Tag kochen. Die Wäsche wird erledigt. Hilfe ist da. Man ist nicht mehr allein. «Der Eintritt in eine neue Lebensphase ist immer Herausforderung und Chance zugleich», sagt Daniella Nosetti-Bürgi.

Eine wichtige Frage bei jeder Herausforderung, die Veränderungen mit sich bringen, lautet: Was kann ich hier lernen? Welche Chance gibt es hier für mich? Kann mir diese Veränderung auch Positives bringen? «Ich kann lernen, Hilfe anzunehmen. Lernen, zurückzulehnen. Lernen, zu verschnaufen. Ich kann lernen, mehr nach innen zu gehen, mehr in der Ruhe und Stille zu sein», sagt Daniella Nosetti-Bürgi.

Zwei Seiten einer Medaille
Veränderungen bringen fast immer beides: Verlust und Erleichterung. Früher konnte man überall dabei sein. Jetzt muss man es nicht mehr. Doch Gegensätze gleichzeitig zu erkennen, fällt uns schwer. «Wir können nicht gleichzeitig warm und kalt wahrnehmen», sagt Daniella Nosetti-Bürgi. «Aber wir können hin- und herpendeln.»

Etwa zwischen der Trauer um einen verstorbenen Partner – und der Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. Für Daniella Nosetti-Bürgi ist klar: Trauer ist eine gesunde Fähigkeit. Doch sie sollte nicht alles dominieren. Die Psychologin spricht von einer Medaille mit zwei Seiten: Auf der einen Seite der Schmerz, auf der anderen die Dankbarkeit. «Diese Medaille kann ich jederzeit drehen.»

Ein Schlüssel liege in der Frage: Worauf richte ich meinen Fokus? «Man muss ihn nicht auf das richten, das nicht mehr möglich ist», sagt Daniella Nosetti-Bürgi. «Man kann ihn auch auf das legen, das noch geht.» Dankbarkeit sei dabei «eine enorm wichtige Kraft». Schmerz und Trauer könnten «wie ein Eiswürfel in der Sonne der Dankbarkeit» schmelzen.

Perlen sammeln
Im Alter wird die Welt kleiner. Aber sie kann auch tiefer werden. Daniella Nosetti-Bürgi verweist auf die ayurvedische Vorstellung von drei Lebensphasen. Nach Wachstum und Aufbau folge im Alter eine Zeit der Weisheit: Wissen weitergeben, nach innen leben, neue spirituelle Werte entdecken. «Ein erfülltes Leben im Alter braucht geistige Interessen und Perspektiven – und ein liebevolles Abrunden des Gelebten.»

Gerade der Blick zurück auf das eigene Leben könne Frieden schenken. Das Würdigen dessen, was gelungen ist – auch unter schwierigen Umständen. Daniella Nosetti-Bürgi nennt das «Perlen sammeln»: die schönen, gelungenen, gemeisterten Momente bewusst wahrnehmen – und mit einem reichen Herzen weitergehen. «Man darf liebevoll auf sich und das gelebte Leben blicken, muss nicht alles mit Strenge beurteilen», sagt Daniella Nosetti-Bürgi. «Das kann fürs Jetzt wertvoll sein, aber auch fürs Sterben.»

Frieden finden
Am Ende bleibt die existenziellste Veränderung jedoch unausweichlich: die Endlichkeit. Im Alter sterben Freunde, Bekannte, manchmal der eigene Lebenspartner. Und auch die eigene Sterblichkeit rückt näher. «Einige Menschen nehmen die Einladung an, sich mit dem Abschliessen des Lebens zu befassen», sagt Daniella Nosetti-Bürgi. «Sie regeln Dinge, blicken zurück, bereiten sich vor.» Andere verdrängen das Thema – manchmal bis zuletzt.

Doch Verdrängung verhindert, Frieden zu finden. Schon kleine Schritte könnten Ängste abbauen: eine Patientenverfügung ausfüllen, sich fragen, wie man sich verabschieden möchte. Für Daniella Nosetti-Bürgi ist es eine grosse Chance der dritten Lebensphase, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen: «Wenn man sich auch nur schon mit Kleinigkeiten befasst, ist der Tod nicht mehr länger dieser dunkle grosse Felsen. Er verliert seinen Schrecken.»

Daniella Nosetti-Bürgi weiss aus eigener Erfahrung, wie sehr Verlust ein Leben erschüttern kann. Sie hat vor vielen Jahren ein Kind verloren, im letzten Jahr ihren Ehemann. Und doch spricht sie von Vertrauen. Von einem liebevollen Blick auf das eigene Leben. Von der Fähigkeit, Trauer und Dankbarkeit nebeneinander stehen zu lassen. Für Daniella Nosetti-Bürgi ist klar: «Wer Vertrauen hat ins Leben, in eine innere oder höhere Führung, wer Vertrauen hat, getragen zu sein, was immer auch kommen mag – der hat es leichter, Veränderungen zu akzeptieren.»

Daniella Nosetti-Bürgi

Daniella Nosetti-Bürgi ist Psychologin und Psychotherapeutin mit über 40 Jahren Berufserfahrung. Auch im Pensionsalter arbeitet sie noch in einem kleinen Pensum. Sie hat sich intensiv mit den Themen Tod, Sterben und Lebenssinn auseinandergesetzt und während vielen Jahren Kurse gegeben zu Sterben und Sterbebegleitung. Selber durfte sie einige Menschen im Sterben begleiten. «Dabei habe ich viel gelernt über das Menschsein, über das Woher und Wohin.»

Daniella Nosetti-Bürgi begleitet Menschen in Gesprächen beim wohlwollenden Blick auf das gelebte Leben, beim Perlensammeln und Vergeben. Krankenkassen-anerkannt bei ärztlicher Anordnung.