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Wie Aktivierung am Abend zur Ruhe führt

Aktivierung bedeutet weit mehr als Basteln, Spielen und Jassen. Pamela Kubica, Teamleiterin Aktivierung im Viva Luzern Wesemlin und Tribschen, zeigt, wie kreative Angebote in den Abendstunden helfen, Bewohnende zu beruhigen, Geborgenheit zu schenken – und die Nacht sanft einzuläuten.

Im Aktivierungsraum des Viva Luzern Wesemlin herrscht eine angenehme, warme Atmosphäre. Auf dem Tisch steht ein Strauss aus bunten Blättern, daneben ein kleiner Igel aus Holz. Die Fenster sind schlicht geschmückt, einige farbige Dekoelemente greifen das Thema Herbst auf. Es ist ein Ort, der Geborgenheit ausstrahlt – liebevoll gestaltet, ohne überladen zu wirken. «Ich mag es, wenn der Raum die Jahreszeit spiegelt», sagt Pamela Kubica, Teamleiterin Aktivierung an den Viva Luzern-Standorten Wesemlin und Tribschen. «Solche saisonalen Ankerpunkte geben auch den Bewohnenden Orientierung.» Sie holen die Natur ins Haus und helfen den Bewohnenden, sich zeitlich einzuordnen. Pamela Kubica weiss: Für viele Bewohnerinnen und Bewohner ist der Wechsel der Jahreszeiten eng mit Erinnerungen verbunden: an Spaziergänge im Herbstwald, ans Guetzlibacken oder ans Räbeliechtli ihrer Kinder. «Solche Details machen etwas mit den Menschen. Sie öffnen Türen zu Erlebnissen, die sonst vielleicht verschlossen bleiben.»

Zwischen Tag und Nacht
Rund 144 Bewohnerinnen und Bewohner leben im Viva Luzern Wesemlin, 25 weitere im Tribschen. Wenn am späten Nachmittag die Sonne hinter den Häusern verschwindet, verändert sich auch die Stimmung im Haus. Es wird stiller, die Betriebsamkeit des Tages ebbt ab. Für Pamela Kubica und ihr Team beginnt nun eine besondere Phase: die sanfte Begleitung in den Abend. In diesen Stunden des Tages geht es weniger ums Aktivieren, sondern ums Harmonisieren. «Wir helfen den Bewohnenden, körperlich und innerlich zur Ruhe zu kommen.» Oft geschieht das leise, fast unscheinbar: mit Musik, einer vertrauten Stimme, einer sanften Berührung. «Wenn der Tag zu Ende geht, werden viele Menschen empfindsamer. Sie spüren stärker, was fehlt, oder fühlen sich einsam. Wir versuchen, das aufzufangen und den Übergang in die Nacht positiv zu gestalten.»

Die Selbstbestimmung steht im Fokus
Noch immer haftet der Aktivierung das Klischee an, sie sei bloss Beschäftigungstherapie. Pamela Kubica lächelt, wenn sie das hört. «Natürlich gehören Spiele, Jassen oder kreatives Gestalten dazu. Aber Aktivierung ist viel mehr. Unser Ziel ist es, die Ressourcen der Menschen zu erhalten und zu fördern – körperlich, geistig und emotional.» Die 33-Jährige ist gelernte Pflegefachperson und arbeitete als Klassenassistentin an einer Sonderschule, bevor sie sich zur Fachfrau Aktivierung und Alltagsgestaltung ausbilden liess. Heute leitet sie ein Team aus zwei Fachfrauen, einer Lernenden und einer Mitarbeiterin, die sich um Gymnastik kümmert. Gemeinsam entwickeln sie ein vielfältiges Wochenprogramm – mit Gedächtnistraining, Bewegungsgruppen, kreativen Ateliers oder Einzelaktivierungen wie Klangschalentherapien. «Wir sind dazu da, das Positive zu erhalten und das Potenzial zu wecken, das in jedem Menschen steckt – egal, wie alt er ist», sagt sie. «Manchmal genügt schon ein kleiner Impuls, damit etwas in Bewegung kommt.» Wichtig ist ihr auch, zu betonen, dass es sich bei der Aktivierung um ein freiwilliges Angebot handelt. «Im Zentrum steht stets die Selbstbestimmung jeder Bewohnerin und jedes einzelnen Bewohners.»

Technik, die verbindet
Die Aktivierung von heute ist eine Verbindung aus Kreativität, Empathie – und moderner Technik. Tablets unterstützen das Gedächtnistraining, über YouTube und Spotify tauchen Bewohnende in Musik und Bilder ihrer Vergangenheit ein. Mit Google Maps spazieren sie virtuell durch ihr früheres Quartier – ein Stück Biografiearbeit, das Erinnerungen weckt und Orientierung gibt. Ein besonders spannendes Werkzeug ist die sogenannte Tover-Tafel – ein interaktiver Projektionstisch, der auf Berührung reagiert und mit bewegten Bildern arbeitet. Auf seiner Oberfläche erscheinen bewegte Bilder, Farben und Formen, die sich beim Kontakt verändern. «Solche Erlebnisse regen die Sinne an, fördern die Aufmerksamkeit und wecken oft positive Emotionen», weiss Pamela Kubica. «Es ist immer wieder faszinierend, zu erleben, wie stark visuelle und akustische Reize Menschen erreichen, die sich sonst eher zurückziehen.»

Was tagsüber aktiviert, kann am Abend beruhigen. «Viele Dinge lassen sich an die jeweilige Stimmung anpassen», weiss die Fachfrau Aktivierung. Musik, die morgens belebt, kann abends in einer anderen Lautstärke und Umgebung eine ganz andere Wirkung entfalten. Mit dem Einbruch der Dämmerung verändert sich die Aktivierung. Jetzt geht es um Rituale, Sicherheit und Ruhe. «Wir gestalten den Übergang vom Tag zur Nacht bewusst. Das hilft, den Schlaf-Wach-Rhythmus zu stabilisieren und Unruhe zu vermeiden.» Abends dominieren sanfte Angebote: Musik hören, Vorlesen, leichte Bewegungen im Sitzen. Auch Tiere spielen eine wichtige Rolle. Hunde besuchen regelmässig die Wohnbereiche, manchmal kommen sogar Lamas zu Besuch. «Die Tiere schaffen sofort eine besondere Stimmung. Viele Bewohnende werden ruhiger, beginnen zu streicheln oder zu lächeln.» Nicht immer braucht es jedoch grosse Aktivitäten: «Manchmal reicht ein warmes Fussbad oder eine sanfte Hand- und Fussmassage. Es sind oft die kleinen Dinge, die einen grossen Effekt haben», weiss Pamela Kubica.

Ruhe, Nähe und Vertrauen
Abends arbeitet das Aktivierungsteam zudem meist individuell. «Wir achten sehr darauf, was jemand gerade braucht», erklärt die Teamleiterin. «Eine Bewohnerin hört vor dem Einschlafen immer die gleiche Musik, die sie früher in der Beiz gehört hat, in der sie gearbeitet hat. Eine andere hilft beim Tischdecken. Das gibt ihr das Gefühl, gebraucht zu werden.» Wenn jemand besonders unruhig ist, führt der Weg oft in den Snoezel-Raum – einen Sinnesraum mit weichem Licht, beruhigenden Düften und sanfter Musik. Hier ist alles auf Entspannung und Wohlbefinden ausgerichtet: warme Farben, bequeme Sitz- oder Liegegelegenheiten, sanftes Lichtspiel an den Wänden. «Snoezelen soll schöne Erinnerungen wecken und zum Träumen anregen», erklärt Pamela Kubica. «Viele Bewohnende spüren hier eine tiefe Ruhe, die sie im Alltag vielleicht häufig nicht mehr finden.» Es sind stille, berührende Momente – kleine Inseln der Geborgenheit, die helfen, den Tag friedlich ausklingen zu lassen. Nachts übernimmt das Pflegeteam – doch auch dann bleibt der Gedanke der Aktivierung lebendig. Nicht selten kommt es vor, dass einzelne Bewohnende wach bleiben oder Gesellschaft suchen. «Dann versuchen wir gemeinsam, Lösungen zu finden – sei es ein kurzer Spaziergang durch den Korridor oder einfach ein Gespräch. Es gibt Nachteulen, und das darf auch so sein», betont Pamela Kubica.

Pamela Kubica, Teamleiterin Aktivierung im Viva Luzern Wesemlin und Tribschen, mit Bewohnerin
Viva Luzern: Symbolbild Aktivierung
Viva Luzern: Wie Aktivierung am Abend zur Ruhe führt

Kleine Wunder des Alltags
Neben traditionellen Methoden setzt Viva Luzern bei der nächtlichen Betreuung auch auf innovative Hilfsmittel. Gewichtsdecken etwa wirken durch ihren sanften Druck beruhigend und fördern den Schlaf. Oder die neuen «inmu»-Klangkissen, die mithilfe von künstlicher Intelligenz gesteuert werden: Sie reagieren auf Bewegungen, erzeugen leise Vibrationen und sanfte Klänge – und stoppen automatisch, wenn jemand eingeschlafen ist. «Solche Technologien eröffnen uns neue Wege, um Ruhe und Sicherheit zu schenken», sagt Pamela Kubica. Doch bei aller Technik bleibt das Zwischenmenschliche zentral. Kubica und ihr Team tragen bewusst keine Berufskleidung, sondern zivile Kleidung. «Das nimmt uns etwas vom Therapeutischen. Wir begegnen den Bewohnenden auf Augenhöhe – als Menschen mit offenem Herzen.» Sie erzählt von Momenten, die sie berühren: vom alten Herrn, der nach Monaten erstmals wieder lacht; von einer demenzkranken Frau, die plötzlich den Text eines alten Liedes mitsingt. «Das sind kleine Wunder, die zeigen, dass Aktivierung etwas bewirkt – auch wenn es von aussen unscheinbar aussieht.»

Offen für Neues
Viele Menschen glauben, ältere Bewohnende seien in ihren Mustern gefangen und nicht mehr offen für Neues. «Das stimmt überhaupt nicht», sagt Kubica bestimmt. «Viele sind neugierig, modern, digital unterwegs. Sie wollen im Weltgeschehen dabeibleiben – und das unterstützen wir.» Ihr Team probiert auch immer wieder neue Ideen aus. «Zum Glück sprudle ich vor Ideen und Möglichkeiten», nennt Pamela Kubica eine ihrer grossen Stärken. Und auch der Austausch mit den anderen Viva Luzern-Standorten ist wertvoll. «Jede Kollegin bringt neue Impulse mit – so entwickeln wir uns gemeinsam weiter.» In der Aktivierung gehe es nicht um Beschäftigung, sondern um Beziehung, sagt Pamela Kubica zum Abschied. «Um das, was zwischen Menschen geschieht.» Und um das, was bleibt, wenn der Tag endet: ein Gefühl von Ruhe, Geborgenheit – und Vorfreude auf den nächsten Morgen.